Wolf Schneiders Webdiary
17.11.2006
Länder, Grenzen
und die Welt da draußen
Länder. Ich war vielleicht zehn Jahre alt, da war ich zum ersten Mal »im Ausland«. Österreich war das. Ich erinnere mich noch, wie ich mit meinen Eltern in ihrem ersten Auto über die Grenze fuhr. Erst die Grenzbeamten, all die Kontrolliererei, dann waren wir »drüben«, und ich schaute mich um: Die Bäume sahen noch aus, wie bei uns in Deutschland, auch die Menschen. Sie sprachen auch so wie bei uns in Bayern, fast genau so. Eigentlich war alles dasselbe. Nur eins war anders: Die Streifen mitten auf der Straße, die zwischen links und rechts trennten, die waren gelb.
Länder sind blau oder rot
Auf den Landkarten daheim hatte alles noch ganz anders ausgesehen. Da war das eine Land grün, das anders blau oder rot oder braun oder violett. Jedes Land anders. Ich erwartete, dass wenn ich dort wäre auch alles irgendwie anders sein müsse, in grünes, blaues oder rotes Licht getaucht oder so, wie auf der Landkarte eben. Österreich war doch EIN GANZ ANDERES LAND, die Karten zeigten es doch! Warum sonst sollte man es in einer ganz anderen Farbe zeigen und so viel Gewese machen um Grenzen und Zugehörigkeit: »Ich bin Deutscher«, »Du bist Österreicher« und sowas, wenn da nicht alles ganz anders wäre? War es aber nicht.
Ich war enttäuscht, erstaunt, verunsichert, was ich noch glauben sollte über die Richtigkeit der Landkarten und das, was die Leute so sagten. Eigentlich waren diese Grenzen doch irgendwie künstlich. Man zeichnete sie auf Landkarten auf, so als sei dort alles anders als bei uns, obwohl es das gar nicht war. Menschen wie hier, Pflanzen und Tiere wie hier, die ganze Landschaft – wenn da keine Schranke auf der Straße gewesen wäre und diese Uniformierten, dann hätte man gar nicht erkennen können, dass da eine Grenze ist und drüben ein anderes Land.
Nationen und Politik: Was für ein Durcheinander!
So ähnlich kam es mir später auch mit anderen Begriffen vor: Ich nenne etwas Tür oder Baum oder Ellbogen oder Wiese und weiß doch nicht, wo es anfängt und wo es aufhört und was dazugehört und was nicht. Es schwimmt alles irgendwie an den Grenzen oder sogar überhaupt. Die Begriffe sind nur draufgesetzt auf die Welt, sie suggerieren, dass an ihren Grenzen alles anders wird, aber das wird es nicht.
Auch wenn ich heute in der Zeitung lese über Nationen und Politik, wer zu wem gehört und wer welche Rechte hat: Was für ein Durcheinander! Früher dachte ich noch: Die Türkei ist die Türkei, so wie es auf den Landkarten steht. Dort, auf den Karten ist ja alles ganz deutlich. Dann aber im Land, da sprechen plötzlich alle Kurdisch und fühlen sich gar nicht mehr zugehörig, trotz Polizei und Militär und dem Zwang, auf den Schulen Türkisch zu sprechen. Und das ist nicht nur in der Türkei so, sondern genau besehen bei allen Ländern.
Man muss sie zwingen ...
Wenn man die Leute so lässt wie sie sein wollen, fügen sie sich nicht einfach in Ländergrenzen. Es ist ganz schön schwierig, Grenzen aufrecht zu halten, man braucht dazu Waffen und Gewalt, man muss die Leute zwingen, mit Uniformierten und Gesetzen und alledem, sonst laufen sie einfach rüber und sind, wie sie eben sind. Erst die Zwänge der Nationalgewalt machen aus Ländern Länder.
Wo höre ich auf, wo fängst du an?
Sogar mit dem wie »ich« bin und »du« bist ist es so ähnlich. Wo hört das eine auf, wo fängt das andere an? Wenn ich mir die Fingernägel geschnitten habe, werfe ich sie in den Abfalleimer. Was wird dann aus ihnen? War das nicht grad eben noch »ich«, zu mir gehörig? Oder das, was ich esse und dann wieder ausscheide. Oder wenn ich dich liebe und zu dir komme und einen Teil von mir in dich stecke, ganz hinein in dich, und wir sind dann eins, wo höre ich dann auf, wo fängst du an?
Oder wenn ein Mensch stirbt: Der Körper liegt noch da, bald wird er auf den Friedhof gebracht. Unseren Hund haben wir im Garten begraben, er wurde dort zu Erde, nun wachsen Pflanzen auf ihm – war da nicht eben noch ein Hund?
Es ist alles so verwirrend mit den Dingen und ihren Begriffen, das empfinde ich heute oft noch ebenso wie damals als Kind. Die Welt entspricht nicht unseren Worten. Sie ist nicht so wie wir sagen, dass sie ist. Sie ist in Wirklichkeit ganz anders.
Die Welt entspricht nicht
unseren Worten.
Sie ist in Wirklichkeit
ganz anders
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