Wolf Schneiders Webdiary
2.12.2006
Wachstumswahnsinn
»Vista« – oder warum technischer Fortschritt meistens nichts bringt
Microsoft bringt gerade sein neues Betriebssystem Vista auf den Markt. Seine Entwicklung soll 7 Milliarden US$ gekostet haben, aber es bringt nicht viel Neues, sagen die Fachleute. Vor allem die Optik ist anders, heißt es, sie enthält mehr dreidimensionale Elemente. Das braucht natürlich Speicherkapazität und Rechenleistung. Nur etwa ein Fünftel der bestehenden PCs haben diese, sagt Microsoft, also wird man Hardware nachkaufen müssen. Die entsprechenden Hersteller freuen sich. Aber nützt das auch den Anwendern? Ich halte das Updaten auf Vista für eine zeittypische Verschwendung von Geld, Zeit, Energie, Intelligenz und Kreativität, also von alledem, was wir doch so sehr für wesentlichere Aufgaben bräuchten.
Weltmacht Microsoft
Es gibt ungefähr 900 Millionen PCs auf der Welt. Kein Büro und keine Verwaltung kommt mehr ohne sie aus. Die ans Internet angeschlossenen PCs sind die Synapsen unseres heutigen Weltnervensystems, und ungefähr 90% davon, geschätzte 800 Millionen, laufen mit einem Betriebssystem von Microsoft, fast alle davon außerdem mit den Office-Programmen Word und Excel, die ebenfalls von Microsoft sind. Das ist also kein Thema, das man so einfach ignorieren kann. Microsoft ist eine Weltmacht, und was diese ausheckt, betrifft alle.
Der »freie Markt« fördert nicht das Beste
Leider sind die Betriebssysteme und Programme von Microsoft nicht die besten. Das Betriebssystem von Apple war von Anfang an besser und ist das auch heute noch, das geben auch die Microsoft-Programmierer zu (sofern sie dürfen), aber es hatte und hat nicht die Macht, sich durchsetzen zu können. Nicht immer setzt sich auf dem Markt das beste durch, auch auf dem so genannten »freien Markt« nicht; die Welt der PCs ist ein gutes Beispiel dafür. Es gibt bessere Office-Programme und billigere, aber hinter ihnen steht keine solche Weltmacht wie Microsoft, deshalb können sie sich nicht durchsetzen oder nur in bescheidenem Maß.
Die Kosten
Sieben Milliarden Dollar für ein Programm, das eigentlich nichts bringt, das ist eine Menge Geld. Außerdem sind diese sieben Milliarden nur ein winziger Teil der gesamten Folgekosten, und zwar die auf der Seite von Microsoft. Auf der Seite der Anwender wird ein Vielfachers dieser sieben Milliarden ausgegeben werden für den Kauf des neuen Systems. Selbst wenn es mit der neuen Hardware mitgeliefert wird, kostet es ja noch etwas, der Preis ist in diesem Falle im Hardwarepreis versteckt.
Wenn nun vier Fünftel der vorhandenen PCs erneuert werden müssen, wie Microsoft schätzt, sind das immerhin 720 Millionen Geräte. Bei 500 € pro Gerät wären das 360 Milliarden €, die im Lauf der kommenden zwei, drei Jahre in Hardware investiert werden müssten. Selbst wenn viele sich diesem Aufstockungswahnsinn verweigern oder sich mit einem neuen Prozessor oder einem erweiterten Arbeitsspeicher begnügen, 200 Milliarden € werden es immer noch sein, denn die meisten können sich nicht ohne weiteres verweigern.
Hinzu kommt die Zeit, die ins Erlernen des neuen Systems investiert werden muss. Plus die Schäden, die durch die Umstellung verursacht werden: »Never change a running system« – warum wohl? Da sind Daten plötzlich nicht mehr auffindbar; Programme, die man gewohnt ist, laufen nicht mehr auf dem neuen System; auch alte Speichermedien laufen nicht mehr auf dem neuen System, so dass Archive erneuert werden müssen; und vieles mehr.
Ich schätze, dass die gesamten Folgenkosten der Umstellung auf Vista bei etwa 500 Milliarden € liegen. Damit könnte man in ganz Afrika kostenlos Aids-Medikamente verteilen (vielleicht gibt Bill Gates ja deshalb seine Überschüsse vor allem in die Aids-Forschung?) und wahrscheinlich dort auch noch Schulen für alle einführen, den Analphabetismus beseitigen und den Hunger.
Eigendynamik und Absprachen
Im Falle von Vista und Microsoft zeigt sich der Wachstumswahnsinn unserer Gesellschaft auf besonders krasse Weise. Der Wettbewerb auf dem Markt hat eine Eigendynamik, die Microsoft fast dazu zwingt, immer wieder neue Betriebssystem auf den Markt zu werfen, damit die Konkurrenten nicht das tun, was Microsoft jetzt tut. Vermutlich gibt es in der Sache auch Absprachen mit den Profiteueren unter den Hardware-Herstellern, wie etwa Intel. Für die Hardware-Hersteller macht es Sinn, von den Software-Herstellern zu verlangen, ihre Udates so aufwändig zu gestalten, dass sie neue Prozessoren erforderlich machen. Als Gegenleistung lässt der Hardware-Lieferant die Eigenschaften des betreffenden Betriebssystems besonders gut zur Geltung kommen, besser als etwa bei einem kostenlos erhältlichen wie Linux oder dem besseren wie das von Apple, das aber weniger Marktanteile hat.
Rasante Entwicklung, aber ohne Nutzen
Das Word-Programm, das ich heute verwenden muss, um die mir von Autoren und Kunden geschickten Daten lesen zu können ist auf meinem mit immerhin 1,4 MB getakteten (Intel Core) Prozessor bei 1 GB Arbeitsspeicher langsamer als das Textprogramm, das ich vor zwanzig Jahren auf meinem PC verwendet hatte – der weniger als ein Tausendstel Arbeitsspeicher hatte und ein vermutlich auch etwa um den Faktor hundert oder tausend langsameren Prozessor. Die Festplattenkapazität von damals war um mehr als den Faktor tausend geringer: 20 MB waren damals sehr viel, 60 GB sind heute recht wenig. Und was hat das gebracht? Fast alle der Funktionen, die ich heute fürs Schreiben und Redigieren brauche, hatte das Textprogramm von damals bereits. Wozu die ganze Entwicklung? 98% dessen, was inzwischen dazu kam, brauche ich nicht und die meisten meiner Kollegen auch nicht. Bei den Massen an Geld und Material, was dafür inzwischen bewegt wurden, ist das ein klägliches Ergebnis.
Intelligent angewandte Technik
Worauf ich am liebsten schreibe, ist die »intelligente Tastatur« (so nenne ich sie) von Alphasmart. Das Gerät kostet gut 200 €, bei massenhafter Herstellung wäre es wohl auch für ein Zehntel dieses Preises zu machen. Es ist unglaublich einfach zu bedienen. Alle Befehle, die ich dafür brauche, stehen auf ein paar Quadratzentimetern auf der Rückseite des Geräts. Ich kann dort in acht verschiedenen Dateien die Textmenge von einem kleinen Buch unterbringen (250.000 Zeichen). Immer in derselben Schrift, immer in derselben Schriftgröße, und alles erscheint auf einem vierzeiligen Display. Aber das reicht mir. Und der Energiebedarf? Wer schon mal in deutschen Zügen einen Sitzplatz mit Steckdose gesucht hat, um am Laptop arbeiten zu können, oder wem kurz vor Ankunft am Ziel der Akku ausgegangen ist, mit Datenverlust, der weiß wovon ich hier spreche. Der Alphasmart arbeitet mit drei 1,5 Volt Batterien, die man an jedem Kiosk kaufen kann. Kaufen? Ich habe das Gerät seit über zwei Jahren. Ich schreibe im Durchschnitt jeden dritten Tag darauf. Die Batterien habe ich noch nie gewechselt, und sie zeigen mir heute eine Ladung von 80% an, was für die Arbeit völlig ausreicht. Systemabsturz? Kennt das Gerät nicht. An einem normalen Microsoft-PC erlebt man das im Durchschnitt einmal pro Tag. Speichern? Macht das Gerät von allein. Aufbauzeit, wenn ich es einschalte: ein paar Sekunden. Wenn ich unterwegs bin, habe ich es fast immer dabei, es wiegt nur 900 Gramm und ist so gut wie unkaputtbar.
Konsumenten-Power
Warum gibt es solche intelligenten Anwendungen von Technik nicht öfter? Weil unsere Wirtschaft eine Dynamik hat, die anderes bevorzugt. Unsere aktuelle Weltordnung fördert militärisches Wettrüsten, aber auch einen wirtschaftlichen Wettbewerb, der weitgehend uns Menschen nicht nützt, oft sogar schadet. Das gilt für die Abholzung der Regenwälder, die Ausbeutung fossiler Brennstoffe (v. a. Öl), aber auch für Wettrennen wie bei der Entwicklung von Soft- und Hardware für Computer. Auch in der Pharma-Industrie oder bei der Entwicklung von PKWs gibt es Dynamiken, bei denen die Gewinner auf dem Markt nur selten die – ethisch, d.h. im Ganzen gesehen – besten sind.
Die Antriebskräfte der Zinsen sind sicherlich ein Grund für solche Dynamiken. Ein weiterer liegt jedoch auf der Anwenderseite: Warum immer das Neueste, Schnellste, Größte kaufen? Oft ist das nicht das Nützlichste – siehe der Alphasmart, verglichen mit einem der üblichen Laptops. Wenn nicht alle Anwender wie kollektiv hypnotisiert sich diesem Zwang zum permanenten Updaten unterwerfen würden, hätten wir ein paar Probleme weniger, und das Leben im Büro wäre sehr viel angenehmer. 17 Millionen der Deutschen arbeiten im Büro. Mindestens 15 Millionen davon müssen sich werktäglich mit Windows, Word oder Excel herumschlagen. Wenn sich eine kritische Masse dieser 15 Millionen diesem Rattenrennen verweigern würden, wäre das eine Revolution.
Militärische und andere Wettrennen
Hätten wir uns der Kernspaltung verweigern können? Nicht durch Konsumentenmacht. Die Dynamik dort war vor allem eine militärische, ebenso wie beim der Erforschung des Weltraums, als USA und UdSSR sich ein Wettrennen lieferten, bei dem zuerst die UdSSR mit dem Sputnik die Nase vorn hatte, dann die USA mit der Mondlandung. Im Falle der PCs aber ist die Dynamik eine vom »freien Markt« gesteuerte. Da gibt es die Big Players (Unternehmen und Nationen), und auch das Militär hat seine Hand im Spiel (immerhin hat das US-Militär das Internet erfunden), aber die Konsumenten haben hier doch auch einige Macht. Sie können Dynamiken initiieren, die Qualität und Nutzen zum Erfolg bringen. Linux ist ein Beispiel dafür, dass das manchmal geht. Linux hat die Macht von Microsoft nicht brechen können, aber doch immerhin im Bereich der Server große Erfolge vorzuweisen.
Gute oder schlechte »Aussichten«?
»Vista« ist das spanische Wort für Aussicht. Wenn Vista die Aussicht böte, dass die Anwender sich ihrer Macht bewusster würden, wäre das ein großer Schritt nach vorn, in Richtung auf eine Technik, die nicht nur nervt, kostet und zerstört, sondern tatsächlich dem Menschen nützt.
Wenn wir nur genug Zeit
und Geld in die Technik stecken,
können wir damit endlich – wenn
es denn glückt – ebenso viel
Zeit und Geld sparen
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