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Wolf Schneider

Wolf Schneiders Webdiary

7.12.2006

Die »Verletzung religiöser Gefühle«

und die spirituelle Identifikation

Die »Verletzung religiöser Gefühle«, vor der uns Gesetzgeber, Politiker und Polizei angeblich schützen wollen, ist eigentlich keine Verletzung religiöser Gefühle, sondern eine Verletzung der Identität. Denn genau das ist der Anspruch echter Religiosität: die beschränkte Identität – das Ego – zu überwinden, sie zu transzendieren. ?Identitätsverletzungen gibt es überall, nicht nur bei religiösen Identifikationen. Schalke 04 Anhänger fühlen sich verletzt, wenn man an ihrem Fußballverein herumnörgelt. Türken fühlen sich verletzt, wenn man den Völkermord von 1915 an den Armeniern auch nur erwähnt, man wird dann wegen »Beleidigung des Türkentums« angeklagt (u.a. Orhan Pamuk ist das passiert). Und wenn dänische Zeichner Mohammed karikieren, dann gehen in der islamischen Welt Tausende auf die Straße, zünden Botschaftsgebäude an und morden sogar, weil »ihre religiösen Gefühle verletzt« sind. Das sind aber keine religiösen Gefühle, sondern Identifikationen mit religiösen Institutionen, Führern, Ikonen, Wertesystemen, Ideen oder Ideologien. Die Gefühle und das Empörungsverhalten sind hier dieselben wie im Falle von Schalke 04 oder dem Türkentum.

Beleidigungen
Eine Geschichte aus Japan erzählt von einem Samurai, der zu einem Zen-Meister kam und ihm die Frage stellte: Was ist der Unterschied zwischen Himmel und Erde? Samurais sind sehr stolze Leute, das sind die Krieger fast überall. So fragte der Zen-Meister ihn: »Du, ein Samurai? Dass ich nicht lache ... du bist doch gar kein richtiger Samurai ...«. Da zog der Krieger wutentbrannt sein Schwert und war kurz davor, den Zenmeister damit zu durchbohren, als dieser den Finger hob und sagte: »Hier öffnen sich die Tore der Hölle!« Der Samurai stutzte, besann sich und steckte sein Schwert wieder die Scheide. »Und hier öffnen sich die Tore des Himmels«, war die Antwort des Meisters.

Erfahrungen
Der Zen-Meister hatte den Samurai beleidigt und ihm dadurch den Unterschied zwischen Himmel und Erde gezeigt – Himmel und Erde als zwei ganz diesseitige, erfahrbare Wirklichkeiten. Nun hatte der Samurai nicht nur davon gehört, dass ein aggressives Verhalten in die Hölle führt und ein friedliches in den Himmel, sondern er hatte seine eigene heiße Wut gespürt und seine Fähigkeit, eine Beleidigung mit einem Mord zu beantworten. Solche Erfahrungen verändern einen Menschen viel tiefer als eine Rede, die bloß einleuchtet.

Insult your way to enlightenment ...
Allerdings hat der Meister dabei sein Leben aufs Spiel gesetzt. Es hätte auch schief gehen können. Er hätte an einem Samurai geraten können, der nicht kurz vor der Tat stutzt. Dann gäbe es den Zen-Meister nun nicht mehr, und auch der Samurai wäre nicht vor der selbst geschaffenen Hölle bewahrt worden.
Beleidigungen sind eben keine Patentlösung zum Erreichen von Transzendenz. Das Werner Ehrhard (EST) Training und viele andere setzen darauf, dass harte Konfrontationen einen Menschen stärken. Wenn du dich aufs Schlimmste beschimpfen lassen kannst ohne dabei zu wanken, dann bist du entweder so verschlossen, dass du auch positive Impulse und liebevolle Einflüsse nicht in dich aufnehmen kannst (wie schade!) – oder du bist über jegliche Identifizierung hinaus gelangt, das große spirituelle Ziel.

Würde statt Ego
In den meisten Fällen führen Beleidigungen zur Eskalation von psychischer oder physischer Gewalt, deshalb möchte ich sie nicht empfehlen, trotz aller innewohnenden Chancen zu Transzendenz. Da ist mir das ethische Konzept des Buddha lieber, der (trotz »Anatta«) das Individuum würdigt, anstatt es zu demütigen. Demütigen, das tut ja auch die Ausbildung bei den Marines oder bei der Fremdenlegion, meines Wissens ohne dass daraus Erleuchtete hervorgehen würden. Außerdem gibt es auch noch das Konzept der Würde. Es ist ganz nahe an dem des Ego angesiedelt und doch ganz anders: Einen Menschen in seiner Schönheit und Einzigartigkeit nicht zu beleidigen heißt, ihn zu würdigen.

Spirituelle Identifikationen
Einen Menschen in seiner Einzigartigkeit würdigen heißt aber nicht, seine Identifikationen unangetastet zu lassen und diese für echte Religiosität oder Spiritualität zu halten. Echte Religiosität entsteht erst jenseits der Identifikationen. Auch jenseits solcher Identifikationen wie »Ich bin erleuchtet«, »Ich bin DAS«, »Alles ist Bewusstsein, und ich bin eins damit«, »Der Geist ist mächtiger als die Materie« oder den noch etwas primitiveren wie »Ich bin die Reinkarnation von Soundso« oder das Channelmedium für einen der grad angesagten aufgestiegenen Meister.

Das Empörungsverhalten
ist hier dasselbe wie bei einer
Beleidigung von Schalke O4

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