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Wolf Schneider

Wolf Schneiders Webdiary

1.1.2007

Geborgenheit in der Welt

Das religiöse Urgefühl

»Von guten Mächten wunderbar geborgen
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiß an jedem neuen Tag.«

Diese Strophe aus dem berühmten Gedicht von Dietrich Bonhoeffer stellt für mich in schönster Weise das Gefühl religiöser Geborgenheit dar. Der Text ist als protestantisches Kirchenlied vielfach vertont worden. Bonhoeffer schrieb ihn im Dezember 1944 in Berlin im Gefängnis und schickte ihn am 19. in einem Brief zu Weihnachten an seine Braut und Familie, vielleicht um sie – und sich – zu trösten. Im Oktober des Jahres war er als Mitverschwörer des Stauffenberg-Attentats entdeckt und von der Gestapo verhaftet worden. Am 8. April, genau einen Monat vor der Kapitulation Deutschlands, knapp vier Monate nach diesem Brief, wurde er auf persönliche Anordnung von Hitler (betr. alle Mitverschwörer des 20. Juli) hingerichtet. Der Brief ist einer der letzten, den er schrieb.
Das vollständige Gedicht/Lied findet sich unter http://de.wikipedia.org/wiki/Dietrich_Bonhoeffer#Von_guten_M.C3.A4chten_treu_und_still_umgeben. Dort findet man auch eine gute Darstellung von Bonhoeffers Leben.

Gibt es einen Gott?
Egal welche Art von Religiosität man pflegt - jeder Mensch ist von diesem Gedicht berührbar, jeder kann seinen Sinn erfühlen, umso mehr, wenn man die Umstände kennt, unter denen es geschrieben wurde. Sind wir wirklich von guten Mächten geborgen? Verbergen wir uns nicht manchmal auch in schlechten Mächten? Gibt es einen Gott, der mit uns ist am Abend und am Morgen? Viele werden diese Fragen anders beantworten als Bonhoeffer es tat. Erst recht, wenn man weiß, welche Menschen »das Schicksal« gelegentlich bevorzugt und welche es benachteiligt, ist man geneigt, solch schönem Trost keinen Glauben zu schenken. Aber alles das steht hier nicht zur Rede, denn hier wurde das Gefühl der Geborgenheit in der Welt in Worte gefasst, und für das braucht es keinen Gott. Es ist ein Urgefühl, das alle Menschen kennen und nach dem sich wohl jeder sehnt.
Bonhoeffer glaubt an Gott – gut so. Andere glauben an die Göttin, wieder andere an mehrere göttliche Wesen oder an gar keines oder an das Numinose oder an die Gütigkeit der Natur oder an überhaupt keine Dominanz des Guten über das Böse. Wieder andere glauben an die Möglichkeit des Menschen sich zum Guten und zur Weisheit hin zu entwickeln, einige, dass das tatsächlich geschieht, andere, dass die Zivilisation im Niedergang ist und Güte, Weisheit, Mitgefühl und Einsicht immer seltener werden. Alles das steht hier nicht zur Debatte. Dies ist ein Gedicht über die Geborgenheit in der Welt, über das Vertrauen, und wer so vertraut ist gut und tut Gutes.

Wer so vertraut ist gut
und tut Gutes

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