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Wolf Schneider

Wolf Schneiders Webdiary

22.2.2007

Die mächtigen »Kleinen«

Selbstgerecht, aber oho!

»Skeptiker kennen das Missverhältnis von esoterischer zu kritischer Literatur. Einer breiten Palette von Esoterik-Büchern stehen nur wenige skeptische Veröffentlichungungen gegenüber. Dieses Missverhältnis abzumildern, hat sich Klaus Schmeh, Informatiker und GWUP-Mitglied, zum Ziel gesetzt. Mit seinem Buch "Planeten und Propheten" gibt er einen gelungenen Überblick nicht nur über die Astrologie, sondern über das Wahrsager-Unwesen insgesamt, vor allem in Deutschland.«
So steht es in der neuesten Ausgabe des »Skeptiker«, der vierteljährlich erscheinenden Ausgabe der GWUP (Deutsche Gesellschaft zur Untersuchung der Parawissenschaften). Wenn ich mit Esoterikern rede, stelle ich jedoch fest, dass sie glauben, einer Übermacht von skeptisch Denkenden gegenüber zu stehen, und sie versuchen nun ihrerseits, dieses »Missverhältnis abzumildern«. Beide Richtungen bekämpfen einander ideell und meinen jeweils die Ohnmächtigeren zu sein in dieser Auseinandersetzung. Als die Kleinen, Benachteiligten müssen sie sich nun umso lauter äußern, sonst hört man sie ja nicht. Wenn die eigenen Beweismethoden dabei mal nicht so ganz hinhauen ... na ja, gegenüber solch einer Übermacht, wie man sie im jeweiligen Gegner vermutet, ist das doch zu vertreten.
Solche Minderheitsgefühle gibt es nicht nur hier. Die meisten Menschen halten sich in ihrer Art für Angehörige einer benachteiligten Minderheit, sei es religiös, politisch, ethnisch, geografisch, aufgrund ihrer Berufszugehörigkeit oder sonst einer Identifikation. Klar: Je spezifischer man sich definiert, umso eher ist man tatsächlich in einer Minderheit. Die Mehrheit aber besteht genau genommen nur aus einer Menge von Minderheiten, die sich meist ebenfalls benachteiligt fühlen, denn wenn man all die anderen, gegnerischen Splittergruppen der Gesellschaft zusammenfasst, dann sind sie zweifellos »die Mehreren«.

Klein, aber fies
Oft dient dieses Gefühl, der oder die Kleinere zu sein dazu, sich härtere Methoden der Durchsetzung zu genehmigen. Der Kleinste in der Schulklasse muss sich, wenn es zur körperlichen Auseinandersetzung kommt, gegen die Großen mit ganz eigenen Methoden durchsetzen. Beim »fairen« Raufen unterliegt er, also zwickt er, kneift, beißt oder läuft davon und rächt sich später auf andere Weise. Die größten Raufbolde auf dem Schulhof hingegen fühlen sich ihrerseits klein, oft sind sie es, die zuhause geschlagen werden und nun Schwächeren gegenüber diese Demütigung wieder auszugleichen suchen.
Die Basken sind in Spanien eine kleine Minderheit, ihre Methoden der Durchsetzung sind die der Kleinen, Benachteiligten gegenüber den Großen. Sie Spüren die Arroganz der Macht des großen Spanien und rebellieren dagegen mit Methoden, die jemand, der sich als der Stärkere fühlt, nie verwenden würde. Ebenso die Iren gegen England, die Tschetschenen gegen Russland, die (Ost)Timoresen gegen Indonesien, die Palästinenser gegen Israel und natürlich auch die Al-Kaida Krieger gegen die Weltmacht USA.

Mächtige, die sich ohnmächtig fühlen
Hitler, der arbeitslose Underdog aus dem Wiener Obdachlosenheim »erwehrte sich des Juden«, der zionistischen Übermacht auch dann noch, als er mächtiger war als alle Juden Europas zusammen. Tucholsky hingegen versuchte, sich der braunen Übermacht zu erwehren und gab schließlich auf, denn »gegen einen Ozean pfeift man nicht an«. Amerika griff 2003 den Irak an; eine riesige, unbestrittene Übermacht gegen ein kleines, schlecht gerüstetes Land, dessen Militärbudget nicht mal ein Hundertstel des amerikanischen ausmachte, aber die Übermacht hatte sich am 11. September 2001 angegriffen gefühlt und glaubte nun (oder machte ihre Bevölkerung glauben) sich verteidigen zu müssen, noch dazu gegen ein Land, das mit Al-Kaida nichts zu tun hatte.
Wir »erwehren uns«, wenn wir uns als Opfer fühlen. Warum bloß fühlen wir uns so oft als Opfer, selbst dann, wenn ein Blick von außen uns als sehr mächtig erscheinen lässt?
Möglicherweise entsteht das Gefühl, als der oder die Kleine, Benachteiligte einer Übermacht gegenüber zu stehen, wenn wir uns innerlich gegen die Eigenschaften dieser Übermacht wehren, wenn sich also ein innerer Kampf abspielt und der unterdrückte Teil in einem selbst sich eben nicht völlig unterdrücken lässt. Immer wieder poppt dieser Teil, den man doch so angestrengt zu ignorieren versucht in einem selbst hoch und erscheint deshalb als viel mächtiger, als er in der Außenwelt tatsächlich ist.

Herzmenschen gegen Kopfmenschen
So denken etwa die Esoteriker, als Herzmenschen seien sie gegenüber den Kopfmenschen in der Minderheit, zumal in einer zu bedauernden, denn die Kopfmenschen sind in ihren Augen aggressiver, tatkräftiger und eben »herzloser«, also zu größerer Grausamkeit fähig, folglich gefährlich. Die Kopfmenschen hingegen – in ihrer Selbstdarstellung sind sie ja nicht kopfig, sondern vernünftig – meinen, einer Masse von Esoterik- oder Religionsgläubigen gegenüber zu stehen. Sie, die vernünftigen Atheisten oder Agnostiker, die der doch so bescheiden und selbstkritisch auftretenden Methode der empirischen Wissenschaft folgen, sie seien in der Minderheit und als solche zu bedauern, denn »die Medien«, die folgen ja dem Aberglauben der Massen, und diese dumpfe, große Masse, die ist gefährlich und zu Grausamkeiten fähig.
Beide Seiten haben ihre eigene Kultur von Beispielen, die ihre jeweiligen Thesen belegen. Für die Vernünftigen dienen hierzu Genozide, Pogrome und Lynchjustiz als willkommene Beispiele für die Grausamkeit einer gläubigen, mächtigen Mehrheit. Die Herzmenschen hingegen finden ihre Beweise für den Edelmut und die Ohnmacht der Ihrigen in ihren Märtyrern, verbannten, verkannten oder vereinsamten Idolen: Franz von Assisi, Vincent van Gogh, Dietrich Bonhoeffer, Prinzessin Diana.

Frieden schließen
Deshalb ist es so wichtig, mit sich selbst Frieden zu schließen. Konflikte profilieren und entfalten die Kräfte, das macht sie so faszinierend, aber sie verzerren den Blick, sie teilen, zerreissen und machen unglücklich. Phantomgegner kann man nur in der Innenwelt besiegen – indem man sie durchschaut. In der mystischen Sicht ist die ganze Welt Innenwelt und jeder Gegner ein Phantomgegner, in dieser Sicht gibt es also »eigentlich« keine Konflikte.
Soweit die mystische Sicht. Sie ist gut, aber man kann sie auch wieder verlassen und kämpfen. Manchmal ist auch das gut. Geist ist die Fähigkeit, die Rollen wechseln zu können. Man kann die mystische Sicht wieder verlassen und Partisan werden. Man kann kämpfen und Frieden schließen und während des Kämpfens das Ganze sehen.


Wer sich als Opfer fühlt,
»wehrt« sich, auch wenn er
mächtiger ist als sein Gegner

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