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Wolf Schneider

Wolf Schneiders Webdiary

1.5.2007

Die Bühne

Das Besondere und seine Auflösung

Grad war ich eine Woche auf Theatertour – zum ersten Mal. Abends auf der Bühne stehen, tagsüber sich darauf vorbereiten, eine Woche lang, zu acht. Und jedes Mal wieder Lampenfieber, warum nur? Ich weiß doch, dass ich immer auf einer Bühne stehe. Gott sieht alles. Das Bewusstsein erfasst alles – zumindest kann es das prinzipiell. Warum nur habe ich dann, auf dieser besonderen Bühne (oder kurz vor dem Auftritt dort), mehr Lampenfieber als in den anderen Situationen des Alltags? Etwas falsch machen kann ich doch auch sonst, und auch sonst werde ich dabei beobachtet.

Beten und Meditieren
Ich habe mich schon immer gefragt, warum die Leute beten, obwohl Gott doch sowieso alles weiß und immer da ist, auch dann, wenn man nicht betet. Oder ist das Beten doch nur ein Betteln, so wie bei der modernen Art der »Bestellungen ans Universum«? Auch dann müsste die höchste Art der Frömmigkeit die sein, rund um die Uhr das Universum anzubetteln, die eigenen Wünsche zu erfüllen.
Und auch beim Meditieren: Auf Achtsamkeit und Bewusstsein kommt es doch immer an, nicht nur, wenn man in Meditation sitzt. In all den anderen Situationen eigentlich sogar noch mehr!

Die besonderen Situationen
Ich denke, es ist so wie mit der Bühne: Wir leisten uns besondere Situationen, um das Gewöhnliche zu erkennen. Die Bühne ist da, um zu erkennen, dass alles Bühne ist, dass wir immer auf irgendeiner Bühne stehen und irgendeine Rolle spielen. Und ebenso beim Beten und Meditieren: Die Ausnahmesituation soll nur betonen, was immer gilt oder helfen, das Allgemeine zu erkennen.

Dem Alltag entkommen
Als Jugendlicher habe ich eine Zeitlang Partys abgelehnt. Ich fand es so affig, dass sich die Leute da vorbereiteten und versuchten ein paar Stunden lang einen auf fröhlich und schick zu machen, um danach wieder in ihren dumpfen, grauen Alltag zu plumpsen. Warum nicht immer gut drauf sein, wenn es denn geht, wenn man es denn kann? Oder warum nicht immer ehrlich sein, auch auf der Party, wenn das Leben denn so dröge ist?
Als ich Osho dann sagen hörte »Celebrate your life« – feiere dein Leben, dachte ich: Recht hat er! Nieder mit den Unterschieden! Und doch .... feiern wir Partys und räumen danach wieder auf.

Rhythmen
Heue verstehe ich eher, dass wir Rhythmen brauchen – oder sie jedenfalls wollen. Wir wollen das Besondere als Abwechslung gegenüber dem Gewöhnlichen. Wir wollen zwischen Beidem pendeln, so wie das Jahr zwischen Winter und Sommer pendelt und der Tag zwischen der dunklen und der hellen Zeit. Wir wollen nach sechs Tagen Arbeit einen Ruhetag haben und nach sechs Jahren ein Sabbatical und einen Tempel oder Altar, um Gott zu verehren und eine Kleidung »zum Ausgehen«.

»In echt« bin ich ganz anders
So ist es auch mit der Bühne: Da machen wir uns fein, wollen gesehen werden, ziehen die Aufmerksamkeit eines möglichst auch noch zahlenden Publikums auf uns, ein oder zwei Stunden lang. Dann ist die Show zuende, und wir tun wieder so, als sei das Übrige keine Show mehr. Ja, wir tun so als ob: Nach der Show tun wir so, als sei dies nun keine Show mehr. Dabei waren wir grad vorher, auf der Bühne, noch viel aufrichtiger: Da haben wir niemandem verheimlicht, dass wir bloß eine Rolle spielen und »in echt« nicht so sind.











Bühnen haben den Zweck
sichtbar zu machen,
dass alles Bühne ist

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