Wolf Schneiders Webdiary
25.5.2007
Religiosität
Die Erotik der Spannungen und Gegensätze
Nur im Jetzt zu leben, das ist platt. Diese von vermeintlich spirituellen Menschen oft so papageienhaft wiederholte Formel des Hier&Jetzt kaschiert die Plattheit einer einseitigen, unerotischen Art im Umgang mit der Zeit.
Klar, die Zukunft wird nie kommen, und die Vergangenheit ist nie dagewesen, wir leben im ewigen Jetzt, aber diese Wahrheit ist platt, so verführerisch platt, dass sie eigentlich falsch ist. Eher ist es so, das wir im ewigen Jetzt ständig aus der Vergangenheit neu geboren werden und einer frivolen, utopischen Zukunft entgegen gehen, die nie kommen wird und doch immer zu kommen droht und erwartungsvoll geplant werden sollte, damit wir nicht absterben in der Plattheit eines dumpfen, zeitlosen, geschichts- und zukunftslosen Jetzt.
Der Swing des Imperfekten
Es ist wie das Leben im Rhythmus einer Musik, mit der man nie konform geht, sondern zu der man sich immer in einem swingenden Abstand befindet. Das Eintreffen zum richtigen Zeitpunkt ist noch keine Musik, es hat keinen Swing. Erst die Verzögerung hat Swing oder die Synkope. Erst das Falsche, Schräge hat Dynamik.
Ein Verweilen im Jetzt ohne Bezug zur linearen Zeitachse, auf der sich aus der Vergangenheit die Zukunft entwickelt, das wäre platt. So platt oder gar bigott wie jede imitierende Religiosität. Echte Religiosität ist nicht rigide. Sie hält sich in der Paradoxie auf, in der Imperfektion, im Polaren, sie ist lebendig, instabil, verletzlich, sterblich. Sie setzt sich allem aus und ist dadurch immer in Bewegung. Sie atmet. Echte Religiosität ist der Atem des Lebens.
Besser nicht abstumpfen –
hoffnungslos, erwartungslos
im platten, zeitlosen Jetzt
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