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Wolf Schneider

Wolf Schneiders Webdiary

28.5.2007

Oversexed and underfucked

Drüber lesen und reden: ja. Es tun: nein

Grad ging der Kurs »Erotik und Sprache« hier im Haus zu Ende. Mit zehn Teilnehmern. Warum nur so wenig? Es gibt solche Kurse sonst nicht in Deutschland, und vom Feedback her, das ich erhalte, müssen sie gut sein. Seit vier oder fünf Jahren gebe ich einmal im Jahr einen Dreitageskurs zu diesem Thema. In den ersten Jahren hießen sie »Club der erotischen Dichter«. Ich will damit der Sprachlosigkeit in diesem für das Lebensglück so wichtigen Bereich abhelfen. Und ich staune in diesem Kontext über mehreres:

Nicht über Sex reden können
Zum einen über die Tatsache, dass es für so viele Menschen viel leichter ist, Sex zu haben, als darüber zu reden. Natürlich gibt es auch auch das Gegenteil: die Quasselstrippen, die alles über Sex und Liebe wissen, aber es nicht leben. Doch erstaunlicherweise auch das Gegenteil: Sex haben und nicht darüber reden können. Große Scham bei dem Versuch, darüber zu reden. Auch über Liebe. Dabei wäre es so wertvoll, darüber sprechen zu können – für die Liebeshungrigen, die »es« nicht haben, das so sehr Ersehnte, ebenso wie für die, die es haben und es dann verlieren. Immer wieder verlieren, ohne sagen zu können warum. Oft sogar ohne sagen zu können, dass sie es verloren haben.
Manche können zwar darüber sprechen, aber beim Schreiben beginnt dann die Scheu. Das Geschriebene legt sie fest, fürchten sie. Da kann man sie dann packen: »Aber du hast doch gesagt ...«, denn da steht es geschrieben.

Furcht vor der Entblößung der Defekte
Dann gibt es auch das: eine große Scheu vor wirklicher Intimität und Nähe. Sich verletzlich zeigen vor anderen, seine Seele entblößen, das ist schwieriger als ein Strip. Körperliche Nacktheit braucht weniger Mut als seelische. Das ist wohl der Grund der Scham: Wegen meines Körpers ausgelacht zu werden, das ist nicht so schlimm wie wegen meiner (vermeintlichen) seelischen Defekte. Und das Tragikomische daran ist, dass es alles nur vermeintliche Defekte sind.

Sex in der Birne
Und warum diese ganze Scheu in einer so übersexualisierten Gesellschaft? Unsere Werbung ist voller Sex, die Bücher, Zeitschriften, Filme, und überall redet man über Sex. Warum wird dann so wenig gevögelt, gestreichelt, geliebt? Die entsprechenden glaubwürdigen Umfragen sagen es: Heute ist die sexuelle Aktivität (der Deutschen, wohl auch allgemein in den westlichen Ländern) geringer als noch vor Jahrzehnten, als man noch weniger leicht darüber sprach und die Medien davon nicht so voll waren. Weshalb es allerorten heißt: We are oversexed, but underfucked. Viel Sex in der Birne, aber der Körper, der macht nicht mit.

Sex in der DDR
Interessant auch die Umstände in der ehemalige DDR. Dort war Pornografie schwer zu bekommen, Sex-Shops gab es nicht, und in den Medien war die Sexualberatung irgendwo zwischen prüde und brav. Dennoch erinnern sich die ehemaligen DDRler heute, dass es dort vergnüglicher und entspannter zur Sache ging als in der heutigen BRD, wo es von sexuellen Ratgebern nur so wimmelt und selbst die Vorabend-Soaps mehr Sex bringen als das damalige DDR-Fernsehen, von den dortigen Zeitschriften ganz zu schweigen. Das muss irgendwie zusammenhängen: Je mehr man über Sex liest und hört, umso weniger tut man es, kann das sein? Dass damals im Osten das prinzipiell eher sexualfeindliche Christentum nicht mehr so viel zu sagen hatte, das kann doch nicht der einzige Grund gewesen sein. Sooo ernst nehmen auch christliche Erzogene junge Leute die Sexualmoral des Christentums nun auch wieder nicht.

Der gute Konsument ist unzufrieden
Ich denke, dass unsere Wirtschaft vor allem den Konsum fördert, nicht Lebenslust und Lebensqualität. Weniger Konsum (auch: Medienkonsum) kann mehr Lebensqualität bedeuten. Für unsere Wirtschaft gilt eben: Wenn ein Käufer die Ware immer wieder kauft, dann ist er er ein guter Käufer. Kauft er sie nun einmal, ist er ein schlechter Käufer. Man sollte ihn also zwar mit angeregtem Appetit hinterlassen, aber nie ganz zufrieden. Er muss das Produkt mögen, aber bitte nie voll zufrieden sein, denn dann kauft er das Produkt nicht wieder. So wie die Zigarettenindustrie, für die es um die richtige Dosierung des Nikotins ging: Nicht so viel, dass die Konsumenten gleich krank wurden, dann kauften sie nämlich nicht mehr – tote Raucher sind keine guten Käufer mehr, das war auch den Zigarettenherstellern klar. Aber süchtig sollen sie sein. Also: ein bisschen krank, und zwar dauerhaft! In ähnlicher Weise sollen unserer Käufer auch immer ein bisschen geil sein, aber nie zufrieden. Und immer in der Illusion verbleiben, dass dieses oder jenes Produkt ihnen doch endlich das ersehnte Glück geben möge.





Unbefriedigte Konsumenten
sind der Motor unserer Wirtschaft

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