Wolf Schneiders Webdiary
3.6.2007
Sicherheitskräfte
Ich lese eine Tageszeitung (die SZ), mehrere politische Wochenzeitschriften (The economist, TIME, SPIEGEL) und sehe einmal am Tag, wenn's geht, auf TV5 fränzösische Nachrichten, am Sonntag von der ARD den Weltspiegel. Gelegentlich schaue ich auf einige politische Webseiten, und ich bekomme den einen oder anderen Newsletter zugeschickt. Außerdem erhalte ich einen ganzen Stoß geringer frequenter Periodika (u.a. Publik Forum und Ode). Soweit meine wichtigsten Quellen für politische Nachrichten.
Vor allem bei den hochfrequenten Periodika (Tageszeitungen und Tagesnachrichten) ist ständig von »Sicherheitskräften« die Rede (ähnliche Begriffe gibt es dafür auch in den anderen Sprachen). Vor allem, wenn Polizei auftritt, nennt man sie oft so. Egal welche Polizei welchen Landes, und egal, ob sie eher Sicherheit oder eher Unsicherheit verbreitet, immer heißen sie »Sicherheitskräfte«.
Speziell den Irak betreffend ist außerdem von »security firms« die Rede, die mächtigste und vielleicht kompetenteste von ihnen ist vermutlich Blackwater. Das sind moderne Söldnerarmeen, die sich aber nicht so nennen, sondern eben »Sicherheitskräfte«. Willst du dich nicht auch sicher fühlen? Siehst du, auch du. Auf der Webseite von Blackwater, www.blackwaterusa.com, stellt sich diese Firma mit ihrer Vision kurz so dar: »Sicherheit, Frieden, Freiheit und Demokratie weltweit zu unterstützen«, darum geht es ihnen. Sagen sie. Ihr größter und wichtigster Auftraggeber ist allerdings die Regierung der USA, und ihr wichtigster Einsatzort der Irak.
Global players, global killers
Verständlich, dass viele Menschen zusammenzucken, wenn sie eine solche Sicherheitskraft auftauchen sehen. Sie fühlen sich mit ihnen nicht sicher, denn Sicherheitskräfte sind in der Regel bewaffnet. Sie können dir das Leben nehmen, wenn das im Sinne ihres mächtigen Auftraggebers ist. Tatsache ist, dass nur wenige Auftraggeber sich solche Sicherheitskräfte leisten können, denn sie sind teuer. Im typischen Falle sind die Auftraggeber von Sicherheitskräften nationale Regierungen und die großen Weltfirmen (global players). Auch die zahlungskräftigen kriminellen Netzwerke haben gut bewaffnete Sicherheitskräfte, die so ähnlich operieren; allerdings buhlen diese Institutionen weniger um die Aufmerksamkeit der Medien, sie suchen ihren Erfolg eher in verdeckten Operationen.
Gesamtausgaben für Sicherheit
Wo ein Bedürfnis besteht und der Bedürftige zahlen kann, dort entsteht ein Markt. So ist das in unserer Welt der Marktwirtschaft, und nicht erst heute, denn Märkte hat es schon immer gegeben, und Sicherheit war schon immer ein großes Bedürfnis. Und da es, spätestens seit der Erfindung des Geldes, Menschen und Institutionen gab, die dafür bezahlten, gibt es seitdem auch Polizei, Militär, Söldner und andere Sicherheitskräfte.
Was heute für Sicherheit an Geld ausgegeben wird, ist mehr denn je in der Geschichte der Menschheit. Wenn ich hier mal nur die Ausgaben für »nationale Sicherheit« (das Militär) und die für individuelle Sicherheit und die von Firmen und Institutionen (dafür sorgt, wenn es gut läuft, die Polizei) zusammenzähle, dann waren die gesamten Ausgaben der Welt hierfür im vergangenen Jahr (2006) höher denn je, und sie werden weiter steigen, denn auch die Anzahl der Kriege und Bedrohungen hat in den letzten Jahren und Jahrzehnten zugenommen und wird vermutlich weiter zunehmen.
Bushs »war against terror«
Einen Ausweg aus diesen Horrorszenarien sehe ich nicht in einer weiteren Bewaffnung gegen »die Terroristen«. G. W. Bushs Art, mit dem Thema »Sicherheit« umzugehen, hat die Terrorgefahr jedenfalls noch erhöht. Vielerort hat sein »war against terror« die Terroristen erst gezüchtet. Vor seiner Amtszeit gab es noch viel weniger solche Gefahren, die Welt war insgesamt friedlicher. Oft erzeugt eine Bekämpfung von Terroristen weiteren Terror und erhöht den Schrecken und die Unsicherheit insgesamt. Viele »Sicherheitskräfte« haben sich als Terroristen erwiesen: Sie haben Terror verbreitet in der Welt anstatt die Sicherheit zu erhöhen. Sogar die Sicherheit ihrer Auftraggeber haben sie oft vermindert, von der ihrer Gegnern ganz zu schweigen – die USA sind heute deutlich gefährdeter, unsicherer als zu Beginn ihres »Kriegs gegen den Terror«, der doch die Sicherheit dieser Nation und ihrer Bürger in der Welt erhöhen sollte.
Die Bratkartoffeln sind angebrannt
Außerdem lohnt es sich, die Unsicherheit, die mit dem menschlichen Leben einhergeht, auf eine fundamentalere Weise zu betrachten. Wir sind alle sterblich. Siebzig, achtzig Jahre Lebenszeit, das ist nicht viel. Eine Sicherheit vor dem Tod, vor Krankheit und Gebrechlichkeit, die gibt es nicht. Der Zusammenhalt unserer Familien und Beziehungen, die Bilanzen unserer Firmen, mein individueller Gesundheitszustand – alles das ist unsicher.
Manchmal stürzt »sogar« mein Computer ab, auf dem ich diesen Text hier gerade schreibe, oder der Drucker hat einen schlechten Tag. Das Wetter schlägt um, das Auto springt nicht an, die Katze wurde von einer Zecke gebissen, die Frau hat ihre Tage, die Bratkartoffeln sind angebrannt – es gibt keine Sicherheit. Auch das ausgefeilteste, tüv-geprüfte System zur Vorwarnung und Verhinderung des Anbrennens von Bratkartoffeln wird mir keine Sicherheit geben können.
Besser als ein »war
on terror« ist es allemal,
mit der Unsicherheit
leben zu lernen
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