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Wolf Schneider

Wolf Schneiders Webdiary

12.6.2007

Verwechslung

Am 28. Mai 07 platzierte ein Ernst Genser aus Wien auf Amazon folgende Rezension meines Buchs »Zauberkraft der Sprache«:
»Selten ein so dämliches Buch zu diesem Thema gelesen. Inhalt besteht von der ersten bis zur letzten Seite aus einer Zusammenstellung von allgemein bekannten Plattheiten. Habe es mir eigentlich gekauft, da ich der Meinung war, dass dieses von Wolf Schneider, JG 1925 stammt. Dieser Autor schreibt tatsächlich empfehlenswerte und kluge Bücher. Diese Verwechslung führte immerhin dazu, wieder einmal den Unterschied zwischen Autoren die etwas zu sagen haben, und solchen, die nur schnell mal abzocken wollen, oder einfach nichts zu sagen haben, zu erkennen. Tatsächliche Bewertung: 0 Sterne. Bücher mit ähnlichem Inhalt, die aber empfehlenswert sind, sind von Friedemann Schulz von Thun oder von Paul Watzlawick. Schade um das ausgegebene Geld für solch ein "Werk".«

Freunde und Feinde
Auf Amazon hat er nur noch eine weitere Rezension hinterlassen, auch das ein Verriss. Ist er so mutig, sich das zu trauen, oder ist er einfach nur frustriert und ätzt deswegen rum, aus Gründen, dich ich letztlich nicht kenne? Vermutlich das.
Von seinen Feinden kann man mehr lernen als von seinen Freunden, sagt der Dalai Lama. Sich selbst zu lieben kann man eher von den Freunden lernen, zu sich zu stehen eher von den Feinden. Was von beidem ist wichtiger? Auch das zu sich selbst stehen, meine ich.

Fünf Möglichkeiten
Es gibt fünf Arten der Stellungnahme: Die Leute lieben dich (oder dein Werk) oder sie finden es ganz nett, oder es ist ihnen egal, oder sie finden es eher blöd, oder sie hassen dich (bzw. es). Jede Beurteilung gehört in eine dieser Kategorien, und wenn man nur lange genug danach sucht, gibt es immer alle fünf. Meistens kann man an der Beurteilung nichts ändern. Der Urteilende kann zum Zeitpunkt seiner Aussage schlecht gelaunt sein, sich geirrt haben, dich wegen etwas nicht mögen, womit du nichts zu tun hast, aus Versehen dich anschreien, weil er/sie dich verwechselt oder dich zu recht verurteilen, weil du etwas verzockt hat – alles ist möglich.

Verdrängung
Ich meine, in diesem Falle ist es vielleicht so wie mit der Buchhalterin, die bei mir vor 16 Jahren die Buchhaltung und Kontoführung machte. Ich war von schwierigen Aufgaben sehr beansprucht und überließ ihr deshalb viel Freiraum. In diesem Freiraum »rutschten« unsere Monatsabschlüsse für mehrere Monate auf ein Minus von über 20.000 DM, bei einem Umsatz, der nicht viel mehr als das Doppelte war. Ich war natürlich höchst alarmiert, geradezu geschockt und sah unsere kleine Firma schon untergehen, wenn sich nicht sehr schnell und sehr drastisch etwas ändern würde. Sie nicht. Sie war ganz ruhig dabei und schien emotional unberührt, aber das nicht etwa, weil sie so ein gleichmütiges, spirituelle fortgeschrittenes Wesen wäre, sondern sie hatte sich einfach ausgeklinkt. Der Teil in ihr, der bei solchen Zahlen etwas empfindet, war ausgeschalten. Man könnte auch sagen: Sie »verdrängte« die Tatsache der kritischen Lage unserer Firma.

Schotten runter, aus ...
Dabei war sie in der Ausführung ihrer Arbeit immer zuverlässig und loyal gewesen, und sie war innerlich mit unserem Projekt eng verbunden – sie hatte hier sogar ihren Lebenspartner gefunden, mit dem sie heute noch zusammen ist. Damals aber konnte sie einfach nicht die die Zahlen vor ihren Augen mit einer ökonomischen Realität verknüpfen, es war für sie so, als hätte das eine mit dem anderen nichts zu tun. Es hätte sie schockiert, die Bedeutung dieser Zahlen zu erkennen, und diesen Schock wollte ihr »Herz« nicht. Deshalb dieser Vorhang, dieses Dichtmachen: Schotten runter, aus. Mit den Händen vor den Augen gibt es die Welt nicht mehr. Selten habe ich so deutlich wie hier und in Zeitlupe sehen können, wie emotionales Verdrängen funktioniert. Als ich sie direkt auf die Bedeutung dieser Tatsachen ansprach, intensiv und ausführlich, hörte sie mir mit weit geöffneten Augen aufmerksam zu und schien zu verstehen. Als ich aber nächsten Tag sie darauf ansprach, konnte sie sich an unser Gespräch nicht mehr erinnern. Es war als hätten wir nicht miteinander gesprochen. Ein Defizit? »Weiß nicht ... muss mal nachschauen ...«

Verhext
Da ich seit ein paar Monaten mit einer Theatergruppe an dem Thema »arbeite«, weiß ich, wie die Enthüllung der »Zauberkraft der Sprache« auf einen dies rezipierenden Menschen wirken kann. Das Stück hat es in sich, und das Buch in mancher Hinsicht noch mehr. Aber es kommt leichtfüßig daher. Es tut so, als wäre das alles irgendwie nichts und ganz leicht – und das ist es ja auch, in gewisser Hinsicht. So leicht, dass man es für platt halten könnte. Wer sich jedoch auch nur ansatzweise auf die Botschaft dieses Buchs einlässt, wird vermutlich schockiert sein. Kann sein, dass der Schock so massiv ist, dass man das Buch für »dämlich« hält, platt, inhaltsleer. Denn dort steht der Bauplan drin, nach dem die künstlichen Welten konstruiert sind, die wir mit unseren Sprachen aufziehen: Wortsprachen, Bildsprachen, Körpersprachen, alle. Alle diese Zeichen, die uns so hypnotisieren, dass wir aufhören eigen zu sein, eigenmächtig, selbständig, frei. Sprache manipuliert uns, sie verhext uns, und sie hat auch den Herrn Genser verhext, nicht nur ihn, aber eben auch ihn – und er hat es nicht bemerkt.
Das ist das Tragische an diesen Manipulationen: Man merkt sie nicht. In den weitaus meisten Fällen merken wir nicht, dass und wie sehr wir verhext sind und uns ständig gegenseitig manipulieren.

Flachlandschreiber
Ernst Genser wollte ein Buch von »dem anderen« Wolf Schneider haben, bekam aber eines von mir. Das passte ihm nicht, und in seiner Frustration machte er sich mit dieser Rezension Luft: Er findet das Buch dämlich und und nichts als eine Zusammenstellung von Plattheiten. Dabei sind die Bücher von meinem Namensvetter eher das: platt. Sie geben zwar eine gute sprachliche Schulung ab und haben als solche den deutschen Journalismus stark geprägt, aber sie sind eindimensional. Sie lassen nicht mehr zu als die profane Ebene. Die Tiefendimension fehlt darin, oder, wenn man so will, die Höhen. Flachland, so hätte Ken Wilber das vielleicht genannt. Dieser Wolf Schneider aus dem Jg. 1925 ist ein großartiger Flachlandschreiber – ich verehre ihn als solchen und empfehle ihn meinen Schülern, aber .... es gibt noch mehr im Leben als das.

50 Jahre später ...
In 50 Jahren werden den Zeitgenossen unter dem Namen »Wolf Schneider« wohl eher ein paar Bücher von mir einfallen als von dem, der jetzt noch der berühmtere ist, meine ich, denn seine Bücher gehen nicht über seine Zeit hinaus, sie stecken darin, fühlen sich dort wohl und finden dort Anerkennung. Ein paar Jahre nach seinem Tod aber wird man mit seinen Werken nicht mehr so viel anfangen können. Dann werden sie einen Wert erhalten vielleicht ähnlich denen des Freiherrn von Knigge (1752-1796), der sich ebenfalls sehr ausgiebig über die (sprachlichen und anderen) Umgangsformen seiner Zeit geäußert hat, und der dafür zu würdigen ist. Übrigens wird dieser Herr Knigge als Autor völlig unterschätzt, las ich gerade in der Wikipedia, er sei nicht bloß ein Erfinder von Benimmregeln, sondern ein Aufklärer von beachtlichem Format.
Und ich hoffe, dass man ihn, den armen Herrn Schneider aus dem Jahrgang 1925, bei den wohl auch dann noch gelegentlich auftretenden Verwechslungen nicht so schofel behandelt, wie Ernst Genser das jetzt gerade mit mir tut.

»Das war ich nicht«
Sivlio Gesell hat den zweiten Weltkrieg vorausgesehen, Karl Kraus in »Die letzten Tage der Menschheit« einiges von den Jahrzehnten, die auf den ersten Weltkrieg folgten. Ich selbst schätze meine prophetischen Gaben nicht so hoch ein wie die von Gesell oder Kraus, aber so viel wage ich zu sagen: Wenn der oben zitierte Rezensent meiner »Zauberkraft der Sprache« sich selbst und seine Einschätzung der beiden Wolf Schneiders aus der Perspektive von 2057 betrachten könnte, würde er sich vermutlich wünschen, seinen Enkeln sagen zu können, diese Rezension habe ein anderer Enst Genser geschrieben, mit dem er verwechselt worden sei, weil er zufällig denselben Namen trage, dafür könne er doch nichts.

(siehe hierzu auch die Diskussion im Forum dieses Blogs)





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