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Wolf Schneider

Wolf Schneiders Webdiary

29.6.2007

Gesucht: der Einstein des Bewusstseins

Uralte Weisheit? Ja, gut, aber da fehlt noch etwas

In meinem Wohnzimmer, neben meiner Hängematte, in der ich mich so gerne entspanne und oft so gute Ideen habe, liegt seit ein paar Monaten eine Ausgabe des »economist« vom 23. Dez. 2006, aufgeschlagen an der Stelle, wo die Überschrift lautet »Ich denke, also bin ich, denke ich« und der Untertitel: »Das Bewusstsein wartet auf seinen Einstein«.
Der Artikel ist Teil eines vielseitigen »survey of the brain«, in dem es um die Probleme und bisherigen Antworten der Gehirnforschung geht. Die Abbildung dazu zeigt einen Menschen, der eine Zeitung liest, aber anstelle des Menschen steht ein Fragezeichen und inmitten des Fragezeichens ein paar Kritzel, die an arabische Schriftzeichen erinnern.

Nachrichten aus den Wissenschaften
Seit gut einem Jahr lese ich den »economist«. Ich, der Wirtschaftsverächter lese den neoliberalen economist! Und lese ihn gerne, am liebsten die Rubriken »books and arts«, fast ebenso gerne auch die Rubrik »science and technology«. Die Wissenschaftsseiten des economist ebenso wie die des (im politischen Teil oft so unerträglich bushig amerikanischen) TIME magazine schätze ich sehr, ebenso wie »wissenschaft online«, den täglichen wissenschaftlichen Infodienst des Heidelberger »Spektrum der Wissenschaften«, von dem ich gerade wieder mein Jahresabo erneuert habe. Ich lese diese wissenschaftlichen Nachrichten so viel lieber als das Gros der Nachrichten, die mir als Herausgeber von »connection Spirit« ins Haus flattern, und über die ich natürlich qua meines Jobs auf dem Laufenden sein muss. Mein Interesse aber geht hin zu den Wissenschaften.

Die unpräzisierbare Gestalt der Mystik
Mystik, ja, das ist der Kern von allem, das Höchste, Unsagbare, Eigentliche, Wesentliche, das worum es geht. Aber das kann man gewissermaßen nicht studieren und sich jedenfalls nicht darüber auf dem Laufenden halten. Allenfalls kann man sich in der spirituellen Szene umschauen, wer »es hat«, wer es neuerdings hat oder immer noch, oder wer imstande ist, »es« auszudrücken. Aber das ist ja kein Studium und auch kein Lernen oder Erfahren im eigentlichen Sinne. Die Gestalt, in der Mystik auftritt, ist diffus; ihre Form ist nicht definierbar. Ich kann niemandem absprechen »es« zu verstehen und im Grunde auch niemandem huldigen, weil er oder sie es verstanden hätte oder hervorragend ausdrücken könnte, denn es ist ja da, überall und in jedem. Der ewigen Weisheit, der philosophia perennis ist nichts hinzuzufügen, ob man sie nun von Lao Tse, Sokrates, Buddha oder von mir aus auch von Jesus beziehen mag, der nach den gängigen Überlieferungen allerdings etwas theistisch-fanatischer anmutet.

Die Schönheit der Relativitätstheorie
Über diese ewige Weisheit brauche ich mich also nicht täglich oder wöchentlich auf dem Laufenden zu halten, über die Wissenschaften hingegen schon, denn hier gilt, womit der economist neulich so schön titelte: Consciousness awaits its Einstein – Das Rätsel des Bewusstsein wartet auf ein Genie, das es löst, so wie vor hundert Jahren Einstein die Rätsel der klassischen Physik löste. Vorläufig löste, bis dann die Quantentheorie kam, die das alles wieder durcheinander brachte (»Gott würfelt nicht«), und deren Vereinbarung mit der Relativitätstheorie noch immer auf sich warten lässt. Einstein aber war großartig, menschlich ebenso wie als Wissenschaftler, und seine Theorie ist das eleganteste, was ich mir auf diesem Gebiet überhaupt nur vorstellen kann. Sie ist nicht nur wahr, im wissenschaftlichen Sinne (das heißt wahr, solange bis sie falsifiziert wird), sondern auch schön, für mein Empfinden geradezu bezaubernd schön.

Der Blick von außen
Den economist lese ich aus wirtschaftlichen Gründen – ich bin ja Unternehmer – aber noch viel mehr wegen der beiden genannten Rubriken, wegen seiner manchmal so überzeugend einfachen Titelbilder (dieses hier hieß: »Glück – und wie man es misst«) und wegen solcher Überschriften und Essays wie diesem hier über die Suche nach dem Einstein des Bewusstseins. Vielleicht kann nur eine Wirtschaftszeitschrift dieses wissenschaftliche Thema so auf den Punkt bringen, wie ja auch manche Wirtschaftsthemen von wissenschaftlichen und spirituellen (ja spirituellen!) Zeitschriften besser auf den Punkt gebracht werden als von den Wirtschaftszeitschriften selbst. Wie so oft: Der Blick von außen kann etwas sehen, das einem Insider verborgen bleibt.

Warten wir noch auf etwas?
Auf den Inhalt des genannten Essays eingehen möchte ich hier nicht, das würde zu weit führen und vielleicht auch weg vom Wesentlichen: dass nämlich »das Bewusstsein« möglicherweise etwas ist, dessen Rätsel die Weisheitslehren und Religionen der Welt noch nicht gelöst haben. Viele Jahre lang dachte ich: Über die Lehre des Buddhas geht nichts hinaus. Der Buddha hat es vollständig und erschöpfend gesagt (wiewohl auf seine zeitgemäße Art, damals, vor 2.500 Jahren), was über das Thema des Bewusstseins und der menschlichen Selbsterkenntnis überhaupt zu sagen ist. Da ist nichts mehr offen, sonst wäre seine Erleuchtung ja nicht vollständig. Oder man sehe sich die Weisheit der Sufis oder der Taoisten an: Wer das versteht, hat alles verstanden! Dachte ich. Der economist aber sagt hier: Nein, es fehlt noch etwas. Die alten Weisheiten mögen wunderbar sein, erhaben und erleuchtend, aber auf den Einstein des Bewusstseins warten wir noch.

Die logischen Antinomien
Der Westen hat die Technik und die Wissenschaft, der Osten die Weisheit, lasst und das vereinen, dann haben wir alles! Dachte ich. Heute ahne ich: Es könnte sein, dass da noch etwas fehlt, das erst gefunden und erforscht werden muss. Das noch nicht in den Veden und Upanishaden, im Tao te King oder den apokryphen Evangelien oder den Schriften der Gnosis enthalten ist. Etwas, das erst gefunden werden will, so wie die Lösung der Widersprüche, die gegen Ende des 19. Jhd. in den Wissenschaften auftraten, aufgedeckt und formuliert etwa von dem deutschen Mathematiker Frege, dann auch von dem britischen Philosophen Betrand Russel und von vielen anderen: die logischen Antinomien. Sie sind bis heute ungelöst. Betrand Russel beschäftigte sich damit ungefähr ein Jahrzehnt lang. Von 1900 bis 1910 war das sein Thema, seine Frage, seine Suche, sein Problem, das alles andere überragte. Er nannte diese Zeit, die intellektuell-kreativ »besten Jahre meines Lebens«, und er fand doch die Lösung nicht. Er fand nur eine Art, wie das Problem umgangen, wie es vermieden werden konnte: seine ziemlich komplizierte »Typentheorie«. Eine Lösung aber fand er nicht. Und die fand auch sein Schüler Ludwig Wittgenstein nicht, der von vielen als der genialste Philosoph des 20. Jhd. gehandelt wird. Das Problem ist bis heute ungelöst, auch wenn sich der Wissenschaftsbetrieb daran gewöhnt hat, es zu vermeiden.

Glück und Qual einer Ahnung
Ich ahne, dass dieses ungelöste Problem mit der Frage nach dem Bewusstsein zusammenhängt. Das ist nur eine Ahnung, kein Wissen, aber mit so einer Ahnung kann die Suche beginnen. Ich würde gerne an einem Institut arbeiten, das diese Fragen erforscht, zusammen mit anderen Menschen, die davon ebenso sehr ergriffen sind wie ich. Manchmal quält mich diese Frage, weil ich sie noch nicht gelöst habe und niemanden kenne, der die Lösung hat. Manchmal beglückt es mich, zu wissen, dass mein Geist überhaupt imstande ist – annähernd imstande! – sie zu formulieren. Und zu wissen, dass die Antwort eben nicht bei Eckart Tolle steht oder in den Veden oder dem Tripitaka oder den apokryphen Evangelien oder einer der gechannelten Botschaften eines »aufgestiegenen Meister«, wie manche Spiris glauben. Sondern dass diese Antwort erst noch zu finden ist.



Ost und West sollen sich
vereinen. Gut so.
Aber das ist noch nicht alles

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