Startseite | Tagebuch | Forum | Kurse
Texte | Bücher | Vita | Impressum |
Wolf Schneider

Wolf Schneiders Webdiary

14.8.2007

Politik und Schauspiel

Immer mehr Schauspieler und Musiker engagieren sich politisch. Richard Gere, Steven Spielberg, George Clooney und Bono machen Weltpolitik. Und manche gehen ganz in die Politik: Ronald Reagan, Arnold Schwarzenegger oder auch Jayaram Jayalalitha, die kürzlich zum dritten Mal leitende Ministerin ihres Landes Tamil Nadu war. Früher waren Schauspieler als Gaukler verachtet und galten als unseriös, offenbar, weil sie in immer neuen Rollen auftraten und man deshalb nicht wusste, woran man ist mit ihnen. Heute hingegen scheint die Fähigkeit, schauspielen zu können, für die Mächtigen ein großer Vorteil zu sein, denn Politik ist ein Schauspiel geworden und ein Showgeschäft. Da hat man Auftritte und muss ein Publikum überzeugen, nicht viel anders als auf der Theaterbühne oder im Film, deshalb fusionieren diese beiden Bereiche in der heutigen Mediengesellschaft immer mehr.

Brot und Spiele
Mit Brot und Spielen versorgten die Regenten im antiken Rom das Volk, damit es nicht murrte, und das ist auch heute noch nicht viel anders: Die wirtschaftlichen Bedürfnisse (das Brot) kommen zuerst, gleich danach kommt das Bedürfnis nach Unterhaltung. Das Volk will unterhalten werden, und sei es durch etwas so Grausames wie damals die Gladiatorenkämpfe und heute die zum Tode verurteilten Krankenschwestern in Libyen oder die deutschen und koreanischen Geiseln in Afghanistan. Die TV-Präsenz, die heute ein paar politische Geiseln bekommen, wenn sie aus einem reichen Land kommen, in dem jeder einen Fernseher hat, ist enorm. Wenn in Darfur oder im Kongo Hunderttausende niedergemetzelt werden, ist uns das kaum ein paar Kurzmeldungen wert. Aber wenn Menschen von den Medien als Persönlichkeiten gezeigt werden, mit Bildern und O-Ton, so dass wir uns mit ihnen identifizieren können, dann bewegt das die Massen: Zwei Drittel aller Deutschen wollen nun einen Rückzug der Truppen aus Afghanistan, in Korea wird die Stimmung kaum anders sein. So unzeitgemäß die Taliban auch sonst sein mögen, diese Zusammenhänge haben sie kapiert. Im aktuellen Drama haben sie an einige koreanischen Journalisten sogar Einzelinterviews mit den Geiseln verkaufen können.

Theaterwissenschaft
Politik ist heute mehr denn je nur mit Hilfe theaterwissenschaftlicher Begriffe zu erklären. Die »Inszenierung« ist entscheidend geworden, und auch die Erkenntnis des Plots der Geschichte und der Dramatik von Held und Widersacher hilft uns, das politische Geschehen zu verstehen. Die einst als Orchideenfach belächelte Theaterwissenschaft darf heute als Königin der Geisteswissenschaften kandidieren, denn sie hat Erklärungen nicht nur für psychologische, sondern auch für soziale und politische Zusammenhänge. Sie kann sogar erklären wie Sprache funktioniert. Wobei ich mit Sprache hier nicht nur Sprachlaute und Buchstaben meine, sondern auch die Sprache der Bilder und Zeichen, die Körpersprache und die der Insignien und Requisiten. In diesem erweiterten Sinne ist »Bühne« das Feld, dem sich die Aufmerksamkeit eines Menschen zuwendet, wie etwa der Fernsehbildschirm, die Kleidung der Menschen, eine Sportarena oder auch die Orte der häuslichen Dramen. Auf diesen Bühnen haben die sprachlichen Zeichen ihren Auftritt, und sie faszinieren ihr Publikum: Die Kleider einer Modenshow, die Rede eines Politikers zum nationalen Gedenktag, der Ehekrach in der Vorabendserie, das Plädoyer des Vorstandschefs auf der Aktionärsversammlung.

Das Drehbuch der Show
Man kann auch die politischen Dramen so untersuchen: Wer ist hier der Held? Wer der Widersacher, wer der Feind? Wer sind die Helfer des Helden und wer die des Widersachers? Gibt es ein Zauberwort oder sonst einen Eingriff »höherer Mächte«? Welche Widerstände hat der Held zu überwinden, welche Opfer zu bringen, und wie schafft man den Spannungsaufbau bis zum Höhepunkt? Man schlage bei Harry Potter nach oder in einem Kompendium für angehende Drehbuchschreiber, dort steht es drin.
Wer heute Politiker werden will, sollte etwas vom Showgeschäft verstehen, und das ist für die Führungskräfte in der Wirtschaft kaum anders. Kommunikationskompetenz ist zur Kernkompetenz geworden. Eine gute Botschaft zu haben, ist weniger wichtig denn je. Heute muss man vor allem wissen, wie etwas inszeniert wird.

Die Botschaft? Fast egal.
Heutzutage musst du wissen,
wie etwas inszeniert wird.

+ Diesen Beitrag verlinken? Dann mit "bleibender" Adresse:
http://www.schreibkunst.com/webdiary/diary.php?p=1187122933