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Wolf Schneider

Wolf Schneiders Webdiary

22.12.2007

Erfolge bei der Parkplatzsuche

und andere Spiri-Binsen

Buch und Film von James Redfield »Die Prophezeiungen von Celestine« feiern die Intuition. Gut so. Sie feiern auch solche Spiri-Binsen wie »Nichts ist Zufall«, »Alles, was du erfährst, hat Sinn« und den Kult der Erfahrung. Das ist alles irgendwie nicht ganz falsch und irgendwie auch ein bisschen richtig, in der Anwendung aber höchst tückisch. Die genannten Binsen sind neben vielen anderen dabei, den Mainstream der Weltkultur zu erreichen. Einerseits ist das gut so. Intuition gut zu finden und nicht an Zufälle zu glauben, das ist immerhin besser als etwa der Glaube, das Böse müsse besiegt werden, damit das Gute sich ausbreitet (wie beispielsweise George W. Bush es glaubt) und ähnliche Muster aus »der alten Welt«.

Zufälle
In jedem Ereignis einen Sinn zu sehen, das kann jedoch auch übertrieben werden. Ein Raser schneidet dich beim Überholen – was sagt mir das? Bin ich zu langsam? Habe ich jemand beleidigt? Heute scheint die Sonne nicht – beginnt jetzt für mich »die dunkle Nacht der Seele«? Oder habe ich bloß gestern meinen Teller nicht leer gegessen?
Bernhard war für einen Drei-Wochen-Urlaub auf der Malediven-Insel angekommen; seine Frau sollte ihm folgen. Gleich nach Ankunft schickte er eine SMS: »Vermisse dich. Verdammt heiß hier unten. Wann kommst du nach?« Beim Eingeben der Nummer aber vertippte er sich vor Aufregung oder wegen der Hitze, und die Botschaft erreichte eine Frau, deren Mann gerade verstorben war. Die gläubige Katholikin war so schockiert, dass sie einen Herzinfarkt bekam, nicht mehr wiederbelebt werden konnte und nun eventuell auch unterwegs ist nach »da unten«. Zufall?

»Randomisierung«
Man kann solchen Glauben nicht abschaffen, schon gar nicht durch Predigten. Ein bisschen aufklären aber kann man doch. Ein Verständnis des Begriffs der »Randomisierung« kann dabei helfen, meine ich. Wenn Spiris auf Parkplatzsuche sind, und sie »glauben«, dass sie gleich einen finden, oder sie wünschen es sich in der richtigen Weise (dafür gibt es ja inzwischen genug Ratgeber), dann finden sie ihn auch. Wenn ich das bezweifle, antworten sie mir: Ich habe das ERFAHREN (Unterton: Du redest bloß davon)!
Mein Einwand: Von allen den Fällen, wo du dir einen Parkplatz gewünscht hast, hast du nur die in Erinnerung behalten, bei denen das gelungen ist, weil nur diese deinen Glaubenssatz bestätigen, dass du, wenn du es dir wünschst, auch eine Parklücke findest. Die »Erfahrung« ist das Ergebnis einer selektiven Wahrnehmung (oder Erinnerung). Die Fälle, wo es nicht gelungen ist, werden ausgeblendet.

... und »Verblindung«
Eine Randomisierung dieses Experimentes würde prüfen können, ob es sich tatsächlich um selektive Erinnerung handelt oder nicht. Das heißt, man müsste per Zufall aus allen Fällen, in denen je ein Parkplatz gesucht wurde, einige aussuchen und dann dabei diejenigen, in denen aktiv gewünscht (oder geglaubt) wurde von denen unterscheiden, wo das nicht der Fall war. Und dann die Ergebnisse vergleichen: Bei welcher Gruppe gab es mehr Treffer? Erst wenn das Ergebnis statistisch signifikant ist, zählt es.
Zur weiteren Absicherung wäre auch noch eine »Verblindung« anzuraten, das heißt eine Versuchsanordnung, bei der weder die Probanden noch die Versuchsleiter und Auswerter der Ergebnisse vorab wissen, was damit bewiesen oder widerlegt werden soll.

Durch die Brille gesehen
»Randomisierung« heißt, die Auswahl der wahrgenommenen oder beobachteten Fälle unterliegt nicht meinem »Bias« (engl.), meiner möglicherweise voreingenommenen Weltanschauung. Darin sind die Spiris doch gerade gut: zu sehen, dass die Brille, durch die ich die Welt betrachte, für mein Weltbild von höchster Bedeutung ist. Dann müssten sie doch eigentlich die Anwendung von Randomisierung und Verblindung begrüßen und mit diesen Methoden auch mal die Wahrhaftigkeit astrologischer Aussagen oder von Heilungsbehauptungen – etwa von der Homöopathie oder irgendwelchen Blütenessenzen – überprüfen.
Und auch bei der Überprüfung der aktuellen Wünsch-dir-was Methoden wäre das ein Beitrag zur Wahrheitsfindung.

»Wenn ich daran glaube,
dann erfahre ich es auch so«

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