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Wolf Schneider

Wolf Schneiders Webdiary

2.1.2008

Würdenträger

Papst sein oder Dalai Lama sein, wie macht man das?

Als ich neulich im Radio einen Ausschnitt aus der Weihnachtsansprache des Papstes hörte, wie er italienisch sprach mit deutschem oder eher bayerischem Akzent, glaubte ich auf einmal fühlen zu können, wie es ist Papst zu sein – wie es ist, dieser anspruchsvollen Rolle gerecht zu werden, wenn 1,3 Milliarden Erwartungen auf einen gerichtet sind. Nicht, dass er mir leid tat, das wäre zu viel gesagt. Aber auf einmal war all mein Ärger über die Arroganz dieses Amtes verschwunden, über den Anspruch von Unfehlbarkeit und das Festhalten an alten Dogmen, und der alte Mann aus Marktl am Inn erschien mir einfach nur wie einer, der sich bemüht, eine sehr anspruchsvolle Rolle auszuführen und dabei nicht zu versagen.

Es ernst meinen mit der Rolle
Als ich das am Tag darauf einer katholisch erzogenen Freundin mitteilte, war ich freudig, fast euphorisch, weil ich das Gefühl hatte, nun endlich auch den Papst ein bisschen verstanden zu haben. Sie aber reagierte piquiert. Ich würde den Papst immer so runtermachen, ich hätte wohl ein Problem damit. Da sei es mit meiner Toleranz anscheinend nicht weit her. Der Papst spiele doch nicht nur eine Rolle, sondern er meine es ernst mit seiner Religiosität, das könne ich wohl nicht verstehen.
Dabei war dieser Moment des Verständnisses gerade einer, an dem mir der Papst emotional oder seelisch näher war denn je; ich war weit weg davon ihn runter zu machen.

... oder unernst
Mir fällt dazu auch der Dalai Lama ein. Auch auf ihn blicken ja Milliarden. Auch er hat eine anspruchsvolle Rolle, vielleicht noch mehr als der Papst, denn er wird von den Tibetern auch als politisches Oberhaupt angesehen, obwohl er im Exil lebt und deshalb als politisches Oberhaupt kaum handlungsfähig ist. Dabei hat er ein Rollenverständnis, das mir sehr sympathisch ist. Er macht Witze über sein Amt, sagt, dass er sich an frühere Leben (als XIII. Dalai Lama und alle die anderen davor) nicht erinnern könne, dass der nächste Dalai Lama vielleicht eine Frau sei oder demokratisch gewählt werden würde und stellt damit das ganze Auswahlverfahren und Erziehungsmodell der Institution Dalai Lama in Frage. So als würde er sein Amt nur als eine Rolle betrachten, in die er hinein geschlüpft ist. So als hätte »er« auch in eine andere Rolle schlüpfen können oder jemand anders in die Rolle des XIV. Dalai Lama.

Wir dürfen kreativ sein, auch hierbei
Ich wünsche mir, dass auch die großen Würdenträger es sich gelegentlich erlauben, aus der Rolle zu fallen. Mal wieder rein gehen, mal wieder rausfallen, und ab und zu ein bisschen dran basteln, an der Rolle. Sie ist ja gestaltbar, sie ist nicht von Gott vorgegeben. Ein intelligenter Gott würde doch niemals eine solche Rolle wie die des Papstes vorgeben. Seit wann gibt es intelligentes Leben auf der Erde? Und seit wann gibt es das im Himmel? Nein, solche Rollen haben sich Menschen ausgedacht, und diese Kreativität sollten wir uns auch weiterhin nicht versagen.

Es wär so leicht,
es wär so schwer,
wenn ich der
Dalai Lama wär

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