Wolf Schneiders Webdiary
11.3.2008
Du bist eine Adresse im Universum
Sonst kenne ich dich nicht
Was ist eine Person? Ewige Frage und eine, die mich den Tag über begleitet. Und immer öfter kommt die Antwort: Eine Person ist eine Adresse im Universum. Passt das? Es zwickt noch ein bisschen, aber es erstaunt mich doch, was diese Interpretation so alles zutage fördert.
Warum lässt die Polizei einen Menschen aus der Untersuchungsheft meist recht schnell frei, wenn er eine feste Adresse hat? Weil sie ihn dann festmachen kann – ihn, die Person, er »ist« diese Adresse ja, und die »haben« sie nun. Es heißt ja auch wohn»haft« in. Eine Verhaftung führt zu einer sehr dauerhaften Wohnhaft, denn wann wechselt man schon mal das Gefängnis? Die Flexibilität ist eingeschränkt durch die Dauerhaft.
Ich kenne dich
»Ich kenne dich« heißt dann, ich kenne diese Adresse im Universum, ich bin dort schonmal gewesen. Ich kann dorthin zurückkehren – vielleicht, wenn ich darf. Ich würde dich wiedererkennen, dich, diese Stelle im Universum. Auch wenn sie sich bewegt.
Leute, die umziehen und dabei ihre Handy-Nummer beibehalten, kommen einem irgendwie loyal vor. Da hat sich die Postanschrift geändert, aber die Handynummer nicht. Immerhin die Handynummer ist geblieben, das schafft Vertrauen. Man könnte doch die persönliche ID-Nummer – vielleicht die vom Personalausweis? – mit der Handy-Nummer irgendwie zusammenbringen. Oder gleich die Nummer vom Personalausweis als Handynummer hernehmen? Und auch für die diversen Bankkonten dieselbe Nummer, dann bräuchte ich mir nicht mehr so viel zu merken. Nur die BLZ wäre dann bei jeder Bankkarte eine andere.
Für die beliebten Nummern (sowas wie 77 77 77 01) würden die reichen Leute dann die Beamten bestechen, so wie bei den Autokennzeichen, weil das was hermacht. Das Zeichen für die Person, das Erkennungszeichen.
Persönlichkeitsdiebstahl
Wenn ich deine Nummer kenne (auch Rumpelstilzchen hatte eine, sagte sie aber nicht), kann ich damit was machen! Ich kenne sie, ich »habe« sie, ich schreibe sie mir auf und bemächtige mich so deiner – sagt die Angst. Deshalb wollten die Eingeborenen oft kein Foto von sich gemacht haben, als die Ethnologen und dann später die Touristen kamen; damit würden sie Macht abgeben, dachten sie.
Auch im Internet gibt es Persönlichkeitsdiebstahl; es ist ein Delikt, das stark zugenommen hat, steht in den Zeitungen. Jemand gibt sich als einer aus, der er gar nicht ist. So wie mit einer geklauten Bankkarte und der Geheimzahl dazu oder einem gefälschten Reisepass. Dabei sind die meisten Identitäten doch irgendwie geklaut und zusammengebastelt aus Versatzstücken diverser Vorbilder. Das fällt nur nicht so auf, weil eigentlich alle so sind. Nur wenn mal eine Kopie sehr weit gehend 1:1 ist und das Original zufällig daneben steht, fällt das auf und ist dann der Kopie ein bisschen peinlich. Geldfälscher werden bestraft, Persönlichkeitsfälscher eher nicht. Kann man auch nicht, es sind zu viele.
Obdachlose oder Heilige?
Was soll ich von Leuten halten, die oft umziehen? Sind das sich schnell verändernde Persönlichkeiten? Obdachlose, Umherziehende, Zigeuner sind von den Autoritäten schon immer misstrauisch betrachtet worden, ebenso wie früher die Schauspieler und Gaukler, die ihre Persönlichkeiten wechselten je nach der Bühne, auf der sie auftraten; sowas ist der ehrenhaften Gesellschaft ein Gräuel. Auf diese Wechselbälge kann man sich ja nicht verlassen.
Oder man heiligt sie, wie die indische Gesellschaft es seit Jahrtausenden mit den umherziehenden Sadhus tut. Deren Obdachlosikgkeit ist der dortigen ehrenhaften Gesellschaft ein Vorbild: ihre Bindunglosigkeit, Ungebundenheit, Freiheit. So heißt auch heute noch im Buddhismus die erste Initiation »Pabbajja« und bedeutet: Hinausgehen in die Hauslosigkeit, Adresslosigkeit.
Du!
Sich verlieben heißt, sich in eine Adresse verlieben, eine Adresse im Universum. Die darf dann auch umziehen, obdachlos oder heilig werden, sogar ihre Handynummer ändern darf sie, meine Liebe wird auch dann noch bleiben, ich werde ihr treu sein. Es sei denn ... du hast dich so verändert! Ich kenne dich ja gar nicht mehr! Seit du nicht mehr hier wohnst und eine neue Handynummer hast und auch eine neue eMail, ist alles irgendwie anders, und ich frage mich, was wir einander eigentlich noch bedeuten.
Persönlichkeitsdiebstahl
kann man nicht verfolgen.
Es sind zu viele
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