Wolf Schneiders Webdiary
21.8.2008
Kraftmeierei des Göttlichen
»Glücklicher als Gott« heißt »der neue Bestseller des Erfolgsautors Neale Donald Walsch«, damit beginnt die Pressemitteilung, die ich hierzu gestern bekam, und fährt fort: »›Sie müssen kein Guru oder Heiliger sein, um die Kraft des Göttlichen zu nutzen und aus Ihrem gewöhnlichen Leben eine außergewöhnliche Erfahrung zu machen‹, verspricht Bestseller-Autor Neale Donald Walsch in seinem neuen Top-Titel.«
Kraftmeierei...
Ein neuer Titel ist noch kein Top-Titel, sondern muss sich erst beweisen, so viel schon mal zur aufbauschenden Werbesprache, die mir hier entgegen schlägt. Aber auch das Zitat, das der Verlag da von dem guten Neale ausgewählt hat (»gut« – ich kenne ihn ein bisschen, er ist ja nicht dumm und auch nicht schlecht ...) um das Buch zu bewerben, spricht Bände: »Die Kraft des Göttlichen zu nutzen«!
Wenn es denn eine »Kraft des Göttlichen« gibt, neben der Kraft der Stille und der Kraft der Liebe und der Kraft der Präsenz und der Kraft der Sinnlichkeit und der des Geistes und des Vertrauens und der Zuversicht, wenn es innerhalb der üblichen Kraftmeierei der spirituell-esoterischen Szene denn auch noch eine »Kraft des Göttlichen« gibt, dann – kann man die gewiss nicht »nutzen«.
... und Irreführung
Gibt es Gott? Das kann man so oder so sehen, personal oder transpersonal oder auch atheistisch. Wenn man aber schon von einer solchen, numinosen »Kraft des Göttlichen« sprechen will, dann ist das etwas Großes, Mächtiges. Etwas, das uns bewegt, das wir aber nicht bewegen können. Dazu sind wir zu schwach, zu klein, zu ohnmächtig. Wir diese kleinen Individuen, die sich für souverän halten, obwohl wir doch so abhängig sind von allem, was uns umgibt. Da möge man das kleine Ego doch bitte nicht darin ermutigen, es könne dieses Große, viel Größere als wir es sind, zu »nutzen«.
Ein Autor und ein Verlag, die diese Möglichkeit anpreisen, sind nicht nur der Kraftmeierei zu zeihen, sondern auch der Irreführung eines leichtgläubigen Publikums.
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