Wolf Schneiders Webdiary
23.8.2008
Eins werden
Es genügt nicht »im Herzen zu spüren, dass es stimmt«
Der Regisseur und Drehbuchautor Michael Schulz hat neulich ein 5 min Video auf YouTube platziert, das ich als sehr erhellend empfinde, was die Entstehung und Inszenierung von Charisma anbelangt und die resultierende Verschmelzung der hier so »faszinierend« Kommunizierenden:
http://www.youtube.com/watch?v=y07zuBlEsqk
Ist Faszination gut?
Der Film ist ein Zusammenschnitt aus Wochenschauen der Nazizeit, unterlegt mit dem Song »Clocks« der Englischen Band »Coldplay«. Aufgrund des genialen Schnitts (»im Schnitt wird der Film gemacht«) und der passenden, modern anmutenden Musikunterlegung ist ein kleines Kunstwerk entstanden. Dessen Genuss aber bleibt einem im Hals stecken, oder, sagen wir besser: in einer Instanz im Betrachter, die Gutes und Schlechtes zu unterscheiden sucht. Dieses Filmchen fasziniert, so wie Hitler einst die Massen faszinierte. Es kribbelt dabei, man spürt die Stimmung des Aufbruchs, den Optimismus. Aber es gruselt dabei auch, denn da passiert doch Böses, das spürt der Betrachter. Der Führer und die Geschlossenheit des hinter ihm stehenden Volkes (so zeigt es der Film) faszinieren, aber ist diese Faszination auch gut? Natürlich nicht, wird heute fast jeder Deutsche sagen. Aber welche Faszination ist denn gut und welche nicht? Oder ist Faszniertsein (»Fan« sein) generell schlecht und etwas, dem wir misstrauen sollten?
»Das können wir heute nicht mehr verstehen«
Man hat so seine Art, mit Geschichte umzugehen. Das gilt für die eigene, persönliche Biografie, aber auch für die von Nationen, Ethnien, Kulturen. Für die heutigen Deutschen ist es normal, die Nazizeit schlecht zu finden. Was die Deutschen damals an Hitler faszinierte und wie sie schließlich den Weltkrieg mitmachten und dann auch der Judenvernichtung sich nicht entgegenstellten, das »können wir heute nicht mehr verstehen«. Wirklich nicht? Dieses Filmchen kann helfen, diese Blockade dieses Nichtverstehens ein bisschen zu lösen.
Gut, wenn das gelingt, denn das Faszinierende hat viele Gesichter. Die Rattenfänger von morgen werden nicht mehr in denselben Klamotten auftreten wie die von gestern. Ihre Inszenierung mag ähnlichen Grundgesetzen folgen, aber sie werden sich nicht mehr derselben Signale bedienen, denn die »sind durch«. Die Sieger haben die Geschichte geschrieben und bestimmt, was heute als gut gilt und was als gefährlich.
Hingabe ...
Auch für die spirituelle Szene sollte dieses Filmchen von Belang sein. Es zeigt Menschen in Ekstase, die den Geist des Aufbruchs (»Allem Anfang wohnt ein Zauber inne«) feiern und den der Hingabe, die spirituellen Kreisen doch als eine der höchsten unter den Tugenden gilt. Aber: Hingabe an was und an wen? Diese Frage auszuklammern kann zu so etwas führen wie dem Desaster des Dritten Reichs, der zwei Weltkriege und des Holocaust, um hier mal nur diese drei großen aufzuzählen, die das zwanzigste Jahrhundert weltweit und unser Land im Besonderen gezeichnet haben.
... und Herzlichkeit
Die Frauen am Straßenrand, die Hitler zujubelten, die schwach wurden, als sie ihn sahen, ihm Blumen streuten, die in Tränen ausbrachen vor Rührung, als sie IHN sahen und von ihm gesehen wurden, ist das nicht Herzlichkeit pur? Sie waren gewiss »nicht mehr Kopf« diese Frauen, um hier mal eine Phrase aufzugreifen, mit der Menschen in der spirituellen Szene gerne gerügt werden, wenn sie sich nicht schnell genug vorbehaltlos einer neuen Masche, einem neuen Heiler oder Guru hingeben oder sich von ihm oder ihr faszinieren lassen. Wenn sie zweifeln und ihren Intellekt einsetzen. Wenn sie beurteilen, ob eine Methode nicht nur faszinierend, sondern auch gut ist.
Das größere Ganze
Für den heutigen Mitläufer der Pop-Esoterik – oder die Mitläuferin, es sind ja mehrheitlich Frauen – genügt es, wenn etwas »faszinierend« ist und »intensiv« und sie »im Herzen spüren, dass es stimmt«. Für die Frauen am Straßenrand hat es gestimmt, als Hitler vorüberfuhr, ihm Rosen hinzustreuen. Er hat sie fasziniert, und es war gewiss sehr intensiv, dort zu sein. Sie haben im Herzen gespürt, dass er der richtige ist für unser Volk. Sie haben ihm vertraut. Einige von ihnen sind vor Rührung in Tränen ausgebrochen oder sogar in Ohnmacht gefallen. Und nicht nur Frauen, auch Männer waren fasziniert und haben sich für den Führer und »unser Land« in Lebensgefahr begeben, sind zu Helden geworden. Es sind wohl auch einige, vielleicht viele von ihnen nicht (wie wohl die meisten) elend in den Tod gegangen, sondern ekstatisch wie ein Samurai – für etwas Größeres sterbend als das kleine Ego, für das größere Ganze des Landes oder der Nation.
Hingabe an wen? Einheit womit?
Die Deutschen sind damals »eins geworden« wie vielleicht nie sonst in ihrer Geschichte (vom »Sommermärchen« der Fußball WM 2006 mal abgesehen ;-)). Aber ist Einsein an sich ein Wert? Nicht, wenn die Verschmelzung nur mit einem Teil des Ganzen geschieht, der wieder neue Fronten schafft, die trennen. Das Nazireich hatte in sich ein hohes Maß an Einheit und Zusammengehörigkeitsgefühl, aber es hat Unerwünschte im eigenen Land brutal ausgegrenzt, bis hin zur Vernichtung und nach außen hin gegenüber anderen Ländern (Rassen und Ideologien) Fronten geschaffen, dort also gerade nicht vereint, sondern scharf getrennt.
Verschmelzung und Hingabe an sich sind noch keine Werte. Es kommt immer drauf an: womit und an wen. Ist das überflüssig zu sagen? Nein, denn große Teile der esoterisch-spirituellen Szene feiern die Hingabe und Verschmelzung, das Einssein »an sich« als Wert, ohne zu differenzieren.
Erkennen und Handeln
Das Differenzieren gilt in dieser Szene als ungeliebte Eigenschaft des analytischen Verstandes, den man erst überwinden müsse, um ins Paradies des Mystischen, der Spiritualität oder Religiosität einzutreten.
Das Erkennen muss (vor)urteilslos sein, das stimmt. Wir müssen lernen hinzusehen ohne die Brille eines Konzeptes oder die Erwartung eines bestimmten Ergebnisses. Das aus dem Erkennen folgende Handeln aber sollte auf der Unterscheidung basieren, was gut ist und was nicht.
Der Film von Michael Schulz kann helfen, zunächst einmal das Erkennen zu üben – vor allem für uns hier in Deutschland. Um dann besser vorbereitet zu sein auf ein Handeln, das auf guten Urteilen basiert.
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