Wolf Schneiders Webdiary
11.12.2008
Wahrnehmungstäuschungen
Medizin, Religion, Politik, Wirtschaft: Überall geht es um Wahrnehmungstäuschungen
Am Sonntag war ich in Saarbrücken, für die einstündige Radiosendung »Fragen an den Autor«, in der Hörer sich in die Sendung einschalten konnten. Die meisten von ihnen wollten wissen, welcher Alternativen Heilung oder esoterischen Methode sie sich anvertrauen können, welcher nicht. Was ist seriös ist, und was nicht? Kurz: Worin können wir uns täuschen? Vielleicht geht es in den Religionen und auf den Heilswegen vor allem darum: Worin täuschen wir uns und worin nicht? Welcher unserer Wahrnehmungen können wir vertrauen.
Selektive Wahrnehmung
Um das auszusortieren, ist es zunächst mal hilfreich, die Psychologie der Wahrnehmungstäuschungen zu studieren. Darunter vor allem auch unsere Neigung zur selektiven Wahrnehmung, zum Herauspicken bestimmter einzelner Fakten aus dem riesigen Meer an wahrgenommenen Daten, aus dem wir zweitens nur ganz bestimmte Daten in unserem Langzeitgedächtnis aufnehmen und drittens davon nur eine kleine Auswahl an andere weitergeben, wenn wir etwa erzählen, wie wir uns einen Parkplatz oder das richtige Wetter herbeigewünscht haben oder »dass ich jetzt gerade ausgerechnet dir begegne, das kann doch kein Zufall sein«. Ein Großteil der Überzeugungen auf Grund von »Erfahrungen«, auf die Esoteriker und Verfechter der Alternativen Heilweisen so stolz sind, resultiert aus solcher selektiven Wahrnehmung.
Interne Selbstbestätigung
Hierzu fand ich neulich eine verblüffende Aussage von einem Neurowissenschaftler. Er schrieb, das menschliche Gehirn habe um den Faktor 100.000 mehr Verbindungen von Neuronen untereinander als zu den Sinnesrezeptoren. Einem Stäbchen auf der Netzhaut des Auges (das ist eine der Lichtrezeptorzellen dort), von dem eine Nervenleitung zum Gehirn geht, entsprechen also etwa 100.000 Verbindungen von Gehirnzellen untereinander. Daraus folgt nicht logisch, dass wir uns mit unseren Ideen, die wir schon haben, immer im Kreise drehen, also geistige Inzucht betreiben, im Faktor von 100.000 : 1 gegenüber der Wahrnehmung der Außenwelt, aber es suggeriert doch immerhin, dass der Einfluss der Außenwelt auf unser Weltbild möglicherweise sehr gering ist gegenüber den Selbstbestätigungsmechanismen unseres Gehirns.
Mehrheitsentscheidungen
Wenn jemand mir erzählt, die Erde sei rund, ich aber habe Tausende von Partikeln in meinem »Wissen« von der Welt im Kopf, die sagen, dass die Welt flach ist, dann ist diese Nachricht von außen gegenüber meinem Innenwissen so krass in der Minderheit, dass sie mich vermutlich nicht bewegen wird, mein Weltbild zu ändern. Und so wurde Galileo erst 1992 von der katholischen Kirche rehabilitiert, mehr als 350 Jahre nach seiner Verurteilung.
Galileo heute gut zu finden ist billig. Jetzt ist er akzeptiert. Was aber sind die Illusionen, denen wir heute aufsitzen, die unsere einander inzestuös selbst bestätigenden Neuronen fixieren, ohne Nachrichten von draußen reinzulassen? Es sind viele, vermute ich, und die Generationen nach uns (sollte es, trotz allem, noch einige solcher geben) werden über sehr vieles lächeln, was wir da, Anfang des 21. Jhd., noch so alles glaubten.
Glaube heute ist Glaube an die Wirtschaft
Um mal, gemäß unserer Zeit, hier auch ein Wirtschaftsthema zu nennen: Ich wundere mich, wie lange die drei Autofirmen in Detroit glauben konnten, dass ihre Art Autos zu bauen Zukunft hat. Von außen konnte man sehen, dass das nicht lange würde gut gehen können, von innen offenbar nicht. Und so konnten auch die Banker nicht sehen, dass ihr System mit all diesen »Finanzprodukten« und ihren »Derivaten« ein so sehr von massenhaftem Glauben abhängiges System war, das in sich zusammenbrechen musste, wenn ausreichend viele ihren Glauben daran verlören.
Auch Wirtschaftssysteme sind Glaubenssysteme, nicht viel anders als die Religionen und politischen Ideologien. Die Weisen von heute sind »Wirtschaftsweise« – es sind Ökonomen, nicht Philosophen. Wie es mit der Wirtschaft weiter geht, interessiert die Massen mehr als die religiöse oder ökologische Apokalypse oder die persönlichen Wege zur Liebe und zum Glück. Noch ist das so, und vielleicht wird es auch so bleiben: It's the economy, stupid!
Aber auch unsere Wahrnehmung wirtschaftlicher Vorgänge basiert überwiegend auf Täuschungen.
Auch wirtschaftliches »Wissen«
ist Glaubenssache
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