Wolf Schneiders Webdiary
27.1.2009
Die Midlife-Krise
Intelligente Menschen haben sie früher und bleiben ihr treu
Zur Zeit reden alle über Krisen und die Uralt-Binse, dass eine Krise auch eine Chance ist. Deshalb hier mal ein paar Worte zur »Midlife-Krise«, diesem Klischee der Populärpsychologie, das biografisch immer noch irgendwo in der Mitte des Lebens angesiedelt wird. Aber wo ist die Mitte? Sobald einem werdenden Erwachsenen dämmert, dass es eigentlich jetzt schon da ist, das richtige Leben – jetzt!!! – beginnt es doch schon zu kriseln. Und das ist gut so.
Bilanz ziehen
Einst hatten die Menschen ihre Midlife-Krise im Alter zwischen 30 und 50 Jahren. Da zogen sie Bilanz des bisher Erlebten und fielen daraufhin in eine Sinnkrise, weil der Rest des Lebens plötzlich als so kurz erschien und das Erreichte als viel zu wenig. Heutzutage beginnen die Aufgeweckteren unter uns mit ihrer Midlife-Krise als Twens, die noch Begabteren mit ihrem Eintritt ins Erwachsenenalter: Ihnen ist bewusst, dass das Leben eine permanente Sinnkrise ist. Daraus das Beste zu machen, darum geht es.
Wer von der Midlife-Krise mal geschüttelt wurde, wer von ihr mal »gekostet hat«, dem bleiben nur zwei Möglichkeiten: Die Sinnfrage zu akzeptieren als etwas dauerhaft Bleibendes – oder zu versuchen, in die Trance der Unbewussten zurückzukehren, zurück in die Geborgenheit der Masse derer, die sich diese Frage nicht stellen. Was aber ein aktives Verdrängen voraussetzt. Die resultierende Unbewusstheit ist nun keine Unschuld mehr, sondern ein sich Wegducken vor der Sinnfrage, vor der menschlichen Unbehaustheit, unserem einsamen, immer wieder verzweifelnden Hängen zwischen Ideal und Wirklichkeit, Geburt und Tod. Die Rückkehr zu einer festen Identität, die im Alltag nicht mehr bezweifelt wird, gelingt nur Fanatikern und Fundamentalisten – und auch ihnen nur für eine Weilchen, bis zur nächsten Erschütterung, die dann wieder eine aktive Verdrängung erfordert, und so weiter. Wie anstrengend.
Fortschritt
In einem Vortrag habe ich mal den grandiosen Hans-Peter Dürr erlebt (den Physiker), wie er das Gehen des Menschen beschrieb als Fallen von einem instabilen Zustand in einen anderen. Auf einem Bein können wir nicht stehen, wir kippen um und fallen ... in einen anderen instabilen Zustand, nun auf dem anderen Bein. Wenn dieses Fallen eine Richtung hat, nennen wir es Gehen, Fortbewegung, Fortschritt. Fortschritt als ein Fallen von einem unerträglichen Zustand in den anderen? Ich war baff. Und jubelte innerlich: Endlich hatte mich jemand verstanden! Mein Dasein als Verleger, als Mensch. Mein Umgang mit der Unsicherheit und der Suche nach Sicherheit oder Stabilität, die doch nie erreicht wird, es sei denn so wie ein Kreisel, der umfällt, wenn er aufhört, sich um sich selbst zu drehen, oder wie eben dieses Gehen, das eine Art Stabilisierung auf höherer (?) Ebene, ein Rhythmus im Ablauf instabiler Zustände ist.
!!! oder ???
Neulich in der Sendung »Leute« vom SWR stellte mir mein Interviewer (Wolfgang Heim) die Frage, ob ich den Sinn des Lebens gefunden hätte. Ha, diese Fragen, so unvorbereitet im Live-Interview ... ich mag das, denn ich weiß dabei nicht vorher, was ich antworte und kann mich so selbst überraschen. 400.000 Leute hörten zu (sagt der Sender) und wollten wissen (bilde ich mir ein), dass dieser Sinnsucher nun nach seinen dreißig oder vierzig Jahren der Fluchten, Mühen, Krisen und Zusammenbrüche doch nun endlich ein Ergebnis abliefern können müsste. Oder war alles umsonst?
Meine Antwort war ungefähr so: Mal bin ich ein Rufzeichen, mal ein Fragezeichen. Wenn ich eine Botschaft habe und weiß, wer ich bin, dann bin ich ein Rufzeichen. Dann hat mein Leben Sinn! Dann aber »falle« ich wieder in die Frage hinein. Der Zweifel bleibt ja, er lässt sich nicht verdrängen. Was soll das Ganze? Dann bin ich ein Fragezeichen. Zwischen diesen beiden Polen bin ich aufgespannt, mein Leben lang. Anders gesagt: Ja, ich bin ein Rufzeichen! Ich habe eine Mission! Aber hinter alledem lauert die Frage: Was soll das?
Nein, sie lauert nicht, ich fürchte sie ja nicht, ich mag sie. Sie bettet mich. In ihr bin ich aufgehoben, beheimatet, ganz. Sie ist größer als die jeweilige Mission. Sie ist das Ganze.
Das Leben ist eine permanente Sinnkrise
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